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"Flintenschießen ist nichts für Weicheier" - Doppel-Interview mit Uwe Möller & Axel Krämer

"Flintenschießen ist nichts für Weicheier" - Doppel-Interview mit Uwe Möller & Axel Krämer

11.04.2018 – Seit 4,5 Jahren sind Uwe Möller (Trap) und Axel Krämer (Skeet) die verantwortlichen Bundestrainer der Flintenschützen. Am Rande einer Bundestrainersitzung in der Bundesgeschäftsstelle in Wiesbaden äußerten sich die beiden in Thüringen lebenden Bundestrainer in einem Doppel-Interview zum Flintensport im Allgemeinen sowie zur aktuellen Situation im Speziellen.

Was zeichnet Flinten-Schützen aus? Was unterscheidet sie von anderen Sportschützen?

Krämer: "Der Flintenschütze ist schon speziell. Nicht nur die Statur, die Körpergröße und Gewicht, sondern die Reaktionsschnelligkeit und optische Auffassungsfähigkeit. Er muss von früh morgens um 8.00 bis abends 20.00 Uhr auf dem Stand stehen, er benötigt Durchhaltevermögen."

Möller: "Flintenschießen ist auf jeden Fall nichts für "Weicheier"! Es rumst richtig in der Schulter durch den Rückstoß, es ist eine Outdoor-Sportart und man steht auch mal bei Minusgraden auf dem  Stand, während andere Disziplinen in der Halle trainieren."

D.h. auch die Bundestrainer sind "anders"?

Möller: "Wir sind mit dem Sport groß geworden! Axel hat 1971 angefangen, ich 1976. Wir waren beide Sportler, kennen beide Systeme (DDR und BRD, Anm. d. Red.) und das prägt einen."

Gibt es typische Verletzungen im Flintensport?

Krämer: "Blaue Flecken und Wangen gibt es schon mal, die Mädchen sagen dann in der Schule oder auf der Arbeit, es war der Trainer (lacht). Aber da muss jeder durch, und wer nicht aufgibt, ist auf dem Weg, ein richtiger Flintenschütze zu werden."

Möller: "Das sind die so genannten "Hamsterbäckchen", die sieht man aber erst einen Tag später!"

"Flintenschießen ist sehens- und hörenswert"

Was macht den Reiz des Flintenschießens aus?

Krämer: "Das Draußenstehen, im Schnee und Regen zu schießen, das Zerfliegen der Wurfscheibe. Das ist speziell, und wer das mag, der ist auch bei uns geblieben. Es ist richtig Action drin, wir stehen nicht statisch da, wir gehen auf das Ziel und bewegen uns. Das hebt uns auch von den anderen Disziplinen ab, dieses Flexible kombiniert mit dem Wetter."

Möller: "Es knallt und man sieht sofort, ob man etwas gerissen hat oder nicht. Es ist auf jeden Fall live - ohne meinen anderen Trainerkollegen zu nahe zu treten - etwas anderes als beispielsweise Kleinkaliber 3x40. Es ist sehens- und hörenswert!"

Wie wird man ein sehr guter Flintenschütze?

Krämer: "Man benötigt die Beständigkeit und muss am Ball bleiben. Ein Schütze benötigt vier, fünf Jahre, um dann den Erfolg zu ernten. Das kommt nicht von heute auf morgen."

Möller: "Training, Training, Training. Talent benötigt man natürlich auch, aber das muss man im Training immer weiter verbessern. Man benötigt Umfänge, vor allem Schusszahlen und Erfahrung. Bei uns hieß es früher, um ein guter Flintenschütze zu werden, musst du mindestens einen Eisenbahnwaggon Munition verschießen."

Welche Rolle spielt die (Wettkampf-)Erfahrung?

Krämer: "Da wir eine Outdoor-Sportart sind, ist die Erfahrung sehr wichtig. Die eine Rotte schießt bei perfekten Bedingungen, die zweite Rotte hat Sturm und muss darauf reagieren. Das ist der Reiz, den unsere Sportart ausmacht. Man kann unverschuldet Pech haben, muss aber beißen und dranbleiben. Dafür benötigt man die Erfahrung und die Wettkämpfe, jeder Wettkampf ist ein kleiner Baustein. Ich denke, man benötigt bestimmt 100 Wettkämpfe, um da richtig ranzukommen."

Möller: "Wenn ich gewisse Erfahrungen gesammelt habe, weiß ich: was mache ich, wenn....! Beispielsweise, wenn eine Böe kommt,wenn die Wettkampferregung steigt... Es wird immer Ausnahmen geben, dass junge,eigentlich noch unerfahrene Athleten vorne mit dabei sind, aber am Ende setzen sich meistens die älteren, erfahreneren Sportler durch."

Der Weltcup in Mexiko lag sehr früh in der Saison und konnte aufgrund der Witterungsverhältnisse in Deutschland nicht optimal vorbereitet werden. Wie zufrieden waren Sie mit dem Abschneiden?

Krämer: "Wir sind aus der Kälte in die Wärme geflogen von -15°C auf +40°C - das war schon die erste Sache. Und dann mit den geringen Schusszahlen, bis dahin 3000 Scheiben für Vincent Haaga als Maximalwert, aber ohne jeglichen Wettkampf davor sind wir mit der Zielstellung rein gegangen, Erfahrung für den Weltcup 2019 zu sammeln. Mit den Leistungen war ich deshalb zufrieden, Katrin Wieslhuber fehlte nur eine Scheibe zum Finale, hat sich aber den Top Team Tokio-Status gesichert."

Möller: "Es war im Vorfeld absehbar und geplant, dass in Mexiko nur die zweite Reihe antritt. Für die erste Reihe wäre der Weltcup zu früh gekommen, sie sollen dann im September zur WM topfit sein. Zu diesem frühen Zeitpunkt fehlten die Trainingsumfänge, deshalb konnte man keine Höchstleistungen erwarten. Es war trotzdem eine gute Erfahrung im Hinblick auf das nächste Jahr bzgl. Anreise, Einreise (Waffeneinfuhr), Akklimatisierung und Vorbereitung auf den Weltcup (Schusszahlen)."

2019 und 2020 droht eine Wiederholung des Szenarios, weil der erste Weltcup bzw. der letztmögliche Olympia-Qualifikationswettkampf erneut früh im Jahr liegen. War der Wettkampf in Mexiko allein deshalb sinnvoll und gibt es dementsprechend Veränderungen?

Krämer: "Absolut! Wir dürfen eine Winterpause für unsere besten Flinten-Kader nicht zulassen. Die Teilnehmer müssen bis zum ersten entscheidenden Wettkampf, dem Weltcup in Mexiko, ca. 6.000 Scheiben trainiert haben. Die Jahresbelastung unserer Besten sollte bei einem Minimum von 20.000 Scheiben liegen!"

Möller: "Wir sind gerade dabei, ein Konzept zu erarbeiten. Es ist ein Muss! Andere Nationen wie z.B. Finnland machen es uns vor, und unser Ziel ist es, mindestens zwei Klimatrainingsmaßnahmen im Vorfeld des Weltcups 2019 zu machen."

"Wir benötigen höhere Schusszahlen"

Nach Mexiko schrieben Sie, Herr Krämer: "Es zeigten sich deutliche Schwächen in der Variabilität der sportlichen Technik!" Was meinten Sie damit?

Krämer: "Das ist ein Zeichen der mangelnden Schusszahlen. Der Schütze muss sich auf die Gegebenheiten vor Ort, z.B. den Wind einstellen, die eine Scheibe wird beschleunigt, die andere wird gebremst - und das sind Erfahrungswerte. In Mexiko wurden Fehler gemacht, die sie sonst aus der Hüfte treffen. Und bei nur einer Sekunde Zeit muss das der Körper steuern und nicht der Geist."

Sie monierten, Herr Möller: "Es sind noch zu viele individuelle Fehler gemacht worden, besonders in den Startphasen der Serien, bei der Fehlerverarbeitung und in der Serienregie!" Heißt?

Möller: "Die Startphase jeder Serie ist entscheidend. Wenn ich gleich zwei, drei Fehler unter den ersten 10 Scheiben habe, fehlt die nötige Sicherheit für den weiteren Serienverlauf. Es wurden zu viele Doppelfehler, teilweise auch Dreifachfehler geschossen. Wenn ich einen Fehler mache, muss ich den kurz analysieren und ab in die Schublade - dann geht es weiter. Das sind alles Dinge, die aus fehlenden Schusszahlen und fehlenden Wettkämpfen im Vorfeld eines so frühen Events resultieren."

Welche Bedeutung hat dann die mentale Komponente?

Krämer: "Unsere Aufgabe und die der Stützpunkte ist es, die Schützen bestens vorzubereiten. Sie mit Optimismus und Sicherheit in die Wettkämpfe zu schicken, das hatten wir aus den genannten Gründen vor Mexiko nicht."

Möller: "Die mentale Komponente spielt im Sportschießen allgemein und bei uns in der Wurfscheibe ganz speziell eine große Rolle, die immer bedeutender wird. Man kann die Technik draufhaben, aber wenn der Kopf nicht mitspielt, ist schnell eine Scheibe weg. Unser alter Psychologe hat einst treffend gesagt: Wenn man auf dem Stand im ,Überlebensmodus' ist und nicht im ,Angriffsmodus', dann wird das schwierig!"

Kann man sich im Flintensport an anderen Schützinnen und Schützen orientieren oder muss jeder seinen eigenen Weg gehen?

Krämer: "Wir haben uns schon orientiert. Mit Vincent Haaga und seinem ganzen Technikaufbau haben wir uns beispielsweise an die individuelle Technik der weltbesten Skeeter wie Hancock (USA) und Achilleos (CYP) angelegt. Das ist mit hohen Schussumfängen verbunden, um diese Technik zu festigen. Deshalb schießt er auch die höchsten Umfänge! Wir behalten die internationale Szene, die das ganze Jahr über durch schießt, voll im Auge. Wir schaffen aufgrund der Infrastruktur und des Klimas nicht die hohen Schusszahlen, das versuchen wir mit Einsatz der Wissenschaft und Methodik wettzumachen."

In Mexiko gab es erstmals einen Mixed-Wettbewerb im Trap. Dieser wurde auch von Leistungsdiagnostiker Eberhard Nixdorf aufgenommen. Gibt es schon eine Auswertung und wenn ja, was hat diese ergeben?

Möller: "Die ersten Sequenzen kommen jetzt digital aufbereitet rüber! Es ist zu erkennen, wie der Wettkampf und das Finale konkret ablaufen. Es gibt mehrere Kamera-Perspektiven, sodass man sehr gut sehen kann, auf was zu achten ist, wo Probleme auftreten, wie sich das Finale gestaltet usw. Dieses neue Wettkampfformat, das ja nun seit dem 27. September 2017 nach mehreren Varianten seitens der ISSF endlich in (hoffentlich) feststehende Regeln gegossen wurde, hat sowohl Aspekte vom Einzel-Wettbewerb als auch vom Teamschießen und hat gezeigt, dass wohl mindestens 139 Scheiben (von 150, Anm. d. Red.) getroffen werden müssen, um eine Finalchance zu haben."

Nun geht es zum Weltcup nach Changwon. Was sind dort die Ziele?

Krämer: "Auf alle Fälle eine Verbesserung zu Mexiko. Wir hatten bessere Trainingsbedingungen und haben in Suhl vor allem Variabilität gebolzt. Aktuell schießen wir hohe Schusszahlen mit bis zu 350 Scheiben pro Tag. Wir haben gut aufgeholt, und ich bin optimistisch, dass wir uns gut präsentieren. Dennoch haben wir erst April, und es fehlt noch etwas zur Topform. Ich hatte noch eine Qualifikation eingeschoben, und da haben Vanessa Hauff und Lucas Ehrlich jeweils 119 Scheiben geschossen, sodass man sieht, dass die Maßnahmen greifen. In Korea erhoffe ich mir um die 121 Treffer bei den Männern und um die 117 bei den Frauen - ich habe ein gutes Team."

Möller: "Ich habe in Changwon die erste Reihe am Start, es ist die WM-Mannschaft vom letzten Jahr. Es geht um gute Leistungen, um eine Standortbestimmung auch im Teamwettkampf, wo stehen wir aktuell im internationalen Maßstab. Auf der anderen Seite ist es ein wichtiger Baustein im Hinblick auf die WM. Wie ist der Schießstand? Wie kommen wir mit dem Jetlag klar? usw. Daraus müssen wir die richtigen Schlüsse ziehen, um dann bei der WM die bestmögliche Leistung abrufen zu können. Schließlich geht es dort um die ersten Quotenplätze für Tokio."

"Bei der WM gehen wir voll auf Angriff"

Korrekt! Bei der WM in Korea am gleichen Schießstand werden die ersten Quotenplätze für Tokio 2020 ausgeschossen. Wie sehen Sie die Aussichten, dass die DSB-Schützen dort bereits erfolgreich agieren und Medaillen bzw. Quotenplätze gewinnen?

Krämer: "Das ist natürlich das oberste Ziel. Wir haben ein, zwei Schützen dabei, die im 122-er Bereich schießen können. Und wir müssen uns gar nichts schönreden: diese Ergebnisse werden bei den Männern und etwa 118 Scheiben im Frauenbereich bei der WM erforderlich sein, um ins Finale zu kommen. Dort werden jeweils vier Quotenplätze vergeben, und da möchte ich mitkämpfen! Es soll nicht wieder so sein wie zuletzt, dass wir erst am Ende die Quotenplätze holen, sondern wir wollen mit vollem Angriff rangehen."

Möller: "Die Zielstellung kann nur sein, ins Finale zu kommen. Das wird schwer genug, weil denselben Wunsch auch die anderen Nationen haben. Wir werden daraufhin arbeiten, dass es realistisch wird."

Bei den Olympischen Spielen in Rio waren vier Flintenschützen, die einen Finalplatz (Andreas Löw als Sechster im Doppeltrap) erzielten. Wo sehen Sie die DSB-Flintenschützen quantitativ und qualitativ in zwei Jahren in Tokio?

Krämer: "Wir bauen zunächst das Top Team Tokio auf, mit Katrin Wieslhuber haben wir bislang eine Athletin drin. Danach geht es darum, die maximale Quotenplatzanzahl zu erzielen."

Möller: "Das Hauptaugenmerk liegt darauf, Quotenplätze zu holen. Dieses System ist von ISSF und IOC entwickelte worden. Nach Tokio zu kommen, wird schwer, aber wir Trainer sind die größten Optimisten."