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Frühlingsbräuche - Blumen und Kränze der Schützengesellschaften

25.04.2019 17:29

Das wurde auch Zeit: Endlich ist wieder Frühling! „Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde, die Tage kommen blütenreich und milde“, um an dieser Stelle mal mit Friedrich Hölderlin zu schwärmen. Auch die Schützen haben zu allen Zeiten den Frühling ersehnt und mit seinem Start und den ersten Blumen allerhand Brauchtum verbunden.

Man muss keinem Verein angehören, um mit dem Schießen in Berührung zu kommen, sobald der letzte Schnee geschmolzen ist. Denn beim Frühlingsfest, der Kirmes, Kerb, Messe oder wie auch immer der erste Jahrmarkt zwischen Ostern und Pfingsten je nach örtlichen Gepflogenheiten heißen mag, steht garantiert auch eine Schießbude neben dem Autoscooter oder der Geisterbahn. Auf ca. zwei Meter Entfernung können Jung und Alt mit Luftgewehren, die den Namen kaum verdienen, auf Gipsröhrchen schießen. Und wer einen nicht allzu verbogenen Lauf und ein bisschen Glück hat, bei dem fällt dann auch ein Kunstblümchen herunter, das er/sie weitergeben kann, etwa um die Frühlingsgefühle anzuheizen.

Auch bei den „richtigen“ Schützen spielen Blumen unter anderem im Frühjahrsbrauchtum eine Rolle. Spätestens in der griechischen Antike galten aus Blumen und kleinen Zweigen geflochtene Kränze als Zeichen des Sieges. Aus dem lateinischen corona für Kranz leitet sich direkt das deutsche Wort Krone ab, das bei den abendländischen Herrschern als äußeres Zeichen für Macht und Würde galt. So war auch die ursprüngliche Trophäe des Schützenkönigs nicht die Königskette sondern der Blumenkranz, mit dem er gekrönt wurde.

Aus Gerbstädt, einer Kleinstadt im Südharz, ist noch aus dem frühen 18. Jahrhundert ein auf den ersten Blick sehr merkwürdiger Brauch, das „Kranzriechen“, überliefert. Dort wurde jedes Jahr im Frühling ein Freischießen veranstaltet, an dem Einheimische und Auswärtige teilnehmen konnten. Wer während des Wettkampfs nicht daneben schoss, sondern die Scheibe traf, musste an einem Blumenkranz riechen, den der amtierende Schützenkönig besorgt hatte und der ihm beim Abholen zum Schießplatz am Schützenfestmorgen vorangetragen worden war. Das „Kranzriechen“ war also nicht als sinnliche Belohnung für eine gute Leistung gedacht, sondern sollte den erfolgreichen Schützen mit dem Gedanken vertraut machen, dass er möglicherweise selbst bald Schützenkönig sein würde. Der Blumenkranz war das Symbol der Königswürde, und jeder, der während des Wettkampfs traf, sollte „schon mal dran riechen“. Der Brauch war auch anderswo verbreitet und wurde streng überwacht. Die der Schützenbruderschaft Aschersleben von Seiten der Stadt erteilte Schützenordnung aus dem Jahr 1729 besagte im Artikel 17: „So jemand die Scheibe trifft, und des Kranzriechens sich nicht bedient, soll 2 Pfennige Strafe geben.“

In Breslau gab es ebenfalls im 18. Jahrhundert an Pfingsten nach dem Königschießen ein sogenanntes „Pomeranzenschießen“ auf Scheiben in zwölf Durchgängen. Nach dem Schießen mussten sich der beste und der schlechteste Schütze vor das Schießhaus setzen. Dem Sieger wurde eine große Pomeranze, eine Bitterorange, auf einem mit einem Kranz aus Rosen geschmückten Zinnteller zusammen mit einem Glas Wein serviert. Der Verlierer bekam einen großen von einem Brennesselkranz umgebenen Quarkkäse auf einem hölzernen Teller.

Vielleicht ist dieser irgendwie wenig appetitlich klingende Brauch mit einer Sitte verwandt, die etwa zur gleichen Zeit und bis weit ins 19. Jahrhundert hinein im oberlausitzischen Bautzen ebenfalls zu Pfingsten im Rahmen des Vogelschießens üblich war. Man schoss dort in relativ kurzer Entfernung auf Scheiben, die mit jeweils mehreren Zitronen und Quarkkäsen bemalt waren. Die Scheiben wurden auf einem kleinen Wagen durch eine Laube gezogen, sodass das Treffen für die auf bewegliche Ziele ungeübten Schützen eher Glücksache war. Traf der Schütze das Bild einer Zitrone, so überreichte ihm ein Zeremonienmeister unter Musikbegleitung und vielen umständlichen Komplimenten auf silbernem Präsentierteller eine Zitrone nebst einem Glas Wein. Wer einen Käse traf, bekam vom gleichen Redner einen Quarkkäse auf einem hölzernen Teller und ein Glas Bier, begleitet von einer Spotttirade und ohrenbetäubender Musik, mit Absicht falsch gespielt von dreisaitigen Geigen, einer Schalmei und einem Dudelsack.

Bei den großen städtischen Freischießen vom 15. bis zum 18. Jahrhundert übernahm der Blumenkranz dann eine ganz besondere und wichtige Funktion. Im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Recht spielten Symbole noch eine wichtige Rolle. Abstrakte rechtliche Vorgänge wurden so gestaltet, dass sie jeder sehen konnte. Durch die Übergabe einer Erdscholle wurde das Eigentum an einem Acker übertragen, die Überreichung eines Holzspans aus einem Türrahmen übereignete ein Haus und so weiter. Aber nicht nur Rechte, auch Pflichten wurden symbolisch übertragen, bei den Schützen zum Beispiel durch die Übergabe eines Blumenkranzes.

Gegen Ende eines großen Schießfestes begannen die Ratsherren der ausrichtenden Stadt zu beratschlagen, welchem der Gästeschützen sie „den Kranz aufsetzen“ sollten, das hieß, in welcher Stadt das nächste Freischießen stattfinden würde. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und bündnispolitische Erwägungen spielten dabei eine Rolle. Die reichen und mächtigen Städte buhlten kräftig um den Kranz und damit den Zuschlag. Man kann diesen Vorgang in der Blütezeit der städtischen Freischießen durchaus mit dem (früheren) Ringen um die Vergabe der Olympischen Spiele durch das IOC vergleichen. Es ging um Ansehen, Machtdemonstration und – viel Geld.

Ursprünglich war die Regel, dass der aus frischem Tannengrün und Baumlaub geflochtene Kranz auf keinen Fall verwelkt oder gar verdorrt sein durfte, bevor der Empfänger des Kranzes nicht ein vergleichbar prächtiges Schießen ausgerichtet hatte. Mit der Zeit wurden die Kränze aus immer kostbareren Materialien hergestellt, etwa aus einem mit Seide umwundenen Metallreif, der wiederum mit Gold- und Silberfäden umwickelt und verziert war, mit aufgesteckten Perlen und Edelsteinen, an vergoldeten Lahnen befestigten Stadtwappen, aus Metalldrähten gebogenen Bäumchen und so weiter.

Schon beim Eröffnungsfestzug eines Freischießens wurde der Kranz von mitlaufenden Jungfrauen präsentiert und bei der großen Abschlusskundgebung in Gegenwart aller Teilnehmer und vieler kommunaler Größen feierlich und von Reden und festlicher Musik begleitet dem Vertreter der ausgewählten Stadt überreicht. Ein solcher Kranz ist im Historischen Museum der Stadt Regensburg erhalten geblieben. Eine Mitte des 19. Jahrhunderts verfasste „Kurze Geschichte“ der Stahlschützengesellschaft in Regensburg berichtet, dass nach dem großen Städteschießen in München im Jahr 1577 die dortige Schützengesellschaft der Stadt Nürnberg einen kostbaren Kranz übergeben habe. Auftragsgemäß richtete Nürnberg zwei Jahre später, im Jahr 1579, das nächste große Schießen aus. Die Nürnberger schufen einen neuen, prächtigen Kranz und übergaben ihn zusammen mit einer verzierten hölzernen Aufbewahrungsschachtel am Ende des Schießens an den Regensburger Schützen Förstl mit der Aufforderung, ihn an den Rat der Stadt Regensburg weiterzugeben. Regensburg übernahm damit die Verpflichtung, das nächste Schießen auszurichten, was im Jahr 1586 auch geschah.

Der Kranz diente als Übergabesymbol für große Schützenfeste, die alle im Hochsommer stattfanden. Zurück noch einmal zum Frühjahrbrauchtum der Schützengesellschaften. Auch wenn heute den ganzen Winter hindurch in der Halle geschossen wird, feiern die meisten Schützengesellschaften doch ein Anschießen, etwa mit dem beliebten Ostereierschießen. Das klassische Frühlingsschießen war in alten Zeiten das Vogelschießen, das in der Regel rund um die Pfingsttage ausgetragen wurde. Es gibt aber auch moderne Varianten, vor allem, wenn man mit der Freiluftsaison nicht so lange warten will. In Trelde etwa, einem Ortsteil der Stadt Buchholz in der Nordheide im Norden Niedersachsens bei Hamburg, hat sich die Schützengesellschaft etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um den Maikönig zu ermitteln und natürlich auch, um den Mitgliedern und den Nachbarn etwas zu bieten. Dort wird nicht auf einen Vogel, sondern auf einen hölzernen Maikäfer geschossen, der auf dem Vogelbaum befestigt ist. Er besteht aus einem braun angemalten Rumpf mit sechs roten Beinen, zwei Flügeln und einem Kopf, an dem noch einmal zwei Fühler befestigt sind. Ähnlich wie beim Vogelschießen werden die einzelnen Körperteile gesondert gewertet und ihr Herabschießen mit kleinen Preisen belohnt. Geschossen wird mit dem Kleinkalibergewehr, Männer und Frauen dürfen mitmachen. Der Sieger ist Maikönig beziehungsweise Maikönigin und trägt für ein Jahr die Kette, der er oder sie eine persönliche Plakette hinzufügt. Der Wettkampf wird nicht ganz ernst genommen, ist aber eine beliebte Veranstaltung und eine „große Gaudi“, wie Heinz Hauschild, Präsident des Schützenvereins Trelde von 1921 e.V. berichtet. Die Veranstaltung fand zum Beispiel im Jahr 2015 Mitte April statt, das Wetter war schön, es wurde gegrillt und die Böllerkompagnie des Schützenverbandes Hamburg und Umgegend lieferte die lautstarke Geräuschkulisse.

Von Stefan Grus