Allgemeines

Manuela Schmermund „Schütze des Jahres 2005“

Manuela Schmermund „Schütze des Jahres 2005“

09.02.2006 – Die exklusiv von der Deutschen SchützenZeitung veranstaltete Leserwahl „Schütze des Jahres“ wird immer attraktiver. Mit 939 Stimmen gab es für die Ausrichtung für 2005 eine absolute Rekordbeteiligung – und internationale Beachtung. Schreiben erreichten die Redaktion der DSZ nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Luxemburg, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und sogar aus Finnland.

Herausragend war auch der erste Gratulant der Siegerin dieser Wahl: Hessens Innenminister Volker Bouffier (Foto links) persönlich überreichte einen Blumenstrauß. Die Siegerin ist für viele sicher etwas überraschend, verdient hat sie es allemal – in mehrerlei Beziehung. Mit großem Abstand gewann mit Manuela Schmermund (Foto rechts) die erste behinderte Schützin diese Auszeichnung vor Barbara Lechner und Claudia Verdicchio.

Mit der Wahl honorierten die Leser, viele davon aus ihrer nordhessischen Heimatregion, nicht nur die hervorragenden Leistungen der Gewehrschützin in 2005, sondern darüber hinaus ihre Persönlichkeit, ihren Einsatz und ihre gesamten Erfolge ihrer Laufbahn. Mit Manuela Schmermund fiel das Votum nicht nur auf die zweifache Europameisterin dieses Jahres im polnischen Wroclaw, sondern auch auf die Paralympicsiegerin und Kleinkaliber-Dritte von Athen 2004. Und dass der hessische Minister für Inneres und Sport der erste Gratulant war, hat ebenfalls ein gutes Stück mit Manuela Schmermunds Ausstrahlung zu tun.

Als sie beim Sportpresseball mit Innenminister Volker Bouffier an einem Tisch saß, erkannte sie im Gespräch den Reiz der Verbindung des Hobbys mit dem Beruf. Im Small Talk hatte sie einen glänzenden Eindruck hinterlassen. Sie schickte mehrere Bewerbungen auf verschiedene Stellen, aus Wiesbaden kam der Zuschlag. Vom Landkreis Bad Hersfeld-Rotenburg und dem dortigen Bürgerservice wechselte sie ins Innenministerium des Landes Hessen in den Bereich Sport. Jetzt schreibt sie die Grußworte des Ministers und ist für Leistungs- wie Breitensport sowie die Förderung durch die Lottoeinnahmen zuständig. Im Büro, auf den Fluren deuten die Plakate überall auf das Großereignis dieses Jahres hin: Von Hessen, dem „TOOOR zur Welt 2006“, künden die großen Lettern. Das Projekt Fußball-Weltmeisterschaft wirft seine Schatten voraus. Für Manuela Schmermund ein interessantes Gebiet, doch das, was alle wollen, bekommt auch sie nicht: „Auch wir haben keine Chance, an Eintrittskarten für die WM zu kommen.“

Dabei wäre sie so gern dabei. „Ich bin sportbekloppt, und meine Freundinnen finden, ich hätt’ sie nicht alle“, sagt sie über sich. Bei ihr läuft ständig der Fernseher mit den Sportprogrammen, wenn sie unter der Woche in ihrer kleinen Wohnung in Wiesbaden oder von Freitag bis Montag daheim in Niederaula-Mengshausen ist. Speziell zum Fußball hegt sie eine enge Verbindung.

Eine besonders enge Beziehung verbindet sie mit Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Beim Empfang nach den Spielen von Athen saß sie mit ihm und Nationalmannschafts-Teammanager Oliver Bierhoff an einem Tisch. „Er ist ein ganz warmherziger und total kompetenter Mensch“, findet Schmermund. Sie konnte dem Chef des finanzstarken, größten Sportfachverbandes der Welt klar machen, welche wirtschaftlichen Schwierigkeiten behinderte Spitzensportler so überwinden müssen. Diese erhalten zwar Unterstützung durch die Deutsche Sporthilfe, doch die Prämien für ihre Olympiamedaillen – Gold mit dem Luftgewehr und Bronze im 3x20-Schuss-Kleinkaliberwettbewerb – betrugen weniger als ein Viertel im Vergleich zu den Gesunden.

Außerdem gibt es für EM- und WM-Erfolge gar kein Geld. Startgelder muss sie ebenso wie Munition von ihrem eigenen Geld bezahlen, und den letzten „echten“ Urlaub hat sie 2003 genommen – die anderen Tage gingen für Lehrgänge und Wettkämpfe drauf –, obwohl sie einen großzügigen Arbeitgeber hat, der sie für hochkarätige Wettkämpfe freistellt.

Theo Zwanziger jedenfalls war beeindruckt von Schmermund und überzeugt von ihren Nöten und denen ihrer Kollegen – und gewährte zehn behinderten Sportlern Stipendien aus der DFB-eigenen Egidius-Braun-Stiftung über vier Jahre, jährlich dotiert mit 2.500 Euro. Neben Schmermund kommt aus dem Bereich Sportschießen Christiane Latzke in den Genuss der Zusatzförderung.

Im großen Sportartenkanon hatte sie schon früh ihre Liebe für das Sportschießen entdeckt. „Mit zwölf Jahren, wenn man anfangen darf, habe ich auch begonnen“, sagt die heute 34-Jährige rückblickend. Als sie noch „Fußgängerin“ war, wie die Behinderten die Nicht-Behinderten nennen, schoss sie sich in den Gaukader, war Fünfte der Hessenmeisterschaften. „Ich war ganz gut, aber nicht überragend“, sagt sie rückblickend.

Doch dann kam der Tag, der ihr ganzes Leben veränderte. Nach einem Verkehrsunfall blieb sie querschnittgleähmt. „Ab dem Bauchnabel abwärts spüre ich nichts mehr“, erklärt sie. Ausführlich möchte sie, das ist zu spüren, auch jetzt diese Zeit nicht aufarbeiten. Da spricht sie schon lieber über die Aufwärtsentwicklung in der Zeit danach. Nachdem sie ihre gesamte Schießsportausrüstung verkauft hatte, kam sie 1998 durch einen Zufall mit dem damaligen Teammanager der Behinderten-Nationalmannschaft zusammen, Hans-Joachim Gessner. Der überredete sie, als sie beide festgestellt hatten, dass sie schießsportliche Gemeinsamkeiten besitzen, zum Training – in Beisein von Joachim Koch, dem Nationaltrainer der behinderten Sportschützen. Sieben Jahre, nachdem sie das letzte Mal ein Gewehr in der Hand gehalten hatte. „Der bekam sofort glänzende Augen.“

Doch Manuela Schmermund wollte nicht wieder schießen. Koch warf seine gesamte Überredungskunst in die Waagschale. „Der hat so einen Aufriss gemacht“, erinnert sich Schmermund. Als alles nichts half, zeigte er ihr das Video von den Paralympics zwei Jahre zuvor in Atlanta. Jetzt fing die Umworbene langsam Feuer und begann zu trainieren. Schon 1999 schaffte sie die Qualifikation zu den Paralympics von Sydney. „Damals habe ich viel gelernt, vor allem mehr Gelassenheit im Wettkampf zu entwickeln.“

Sie hat die Lehren gezogen, spätestens in Athen. Ihr Gold mit dem Luftgewehr war der erste Sieg des gesamten deutschen Teams bei den Paralympics. In 2005 bestätigte die 34-Jährige ihren großen Erfolg durch die EM-Titel mit Luft- wie KK-Gewehr bei den Titelkämpfen im polnischen Wroclaw. Diese Erfolge waren neben ihrer Persönlichkeit wohl der wichtigste Anlass, dass Manuela Schmermund jetzt zur „Schützin des Jahres“ gewählt wurde. „Ich möchte mich herzlich bei meinen Trainern, Nationalmannschaftscoach Uwe Knapp und Disziplintrainer Manfred Gohres, für die Unterstützung bedanken.“ 2008, in Peking, will sie gleich zweimal Gold gewinnen. „Das ist ein realistisches Ziel. Und Understatement würde mir doch niemand abnehmen.“

Die Stimmen bei der DSZ-Sportlerwahl

1. Manuela Schmermund (Gewehr)

270

2. Barbara Lechner (Gewehr)

151

3. Claudia Verdicchio (Pistole)

135

4. Monika Liedtke (Sommerbiathlon)

87

5. Sonja Pfeilschifter (Gewehr)

83

6. Hans-Jörg Meyer (Pistole)

48

7. Manfred Kurzer (Laufende Scheibe)

38

8. Ralf Schumann (Pistole)

37

9. Munkhbayar Dorjsuren (Pistole)

28

10. Walter Massing (Vorderlader)

16

11. Sebastian Rohrberg (Bogen)

15

12. Monika Jentges (Feldbogen)

8

13. Martina Schacht (Feldbogen)

6

14. Torsten Krebs (Gewehr)

4

15. Tino Wenzel (Wurfscheibe)

3

16. Christine Brinker (Wurfscheibe)

2

17. Carolin Fuchs

2

18. Raimund Blattmann (Gewehrtrainer)

1

19. Franz Falke (Gewehr)

1

20. Hans Albert Kremling

1

21. Edmund Martin (Bogenbiathlon)

1

22. Josef Mayer (Vorderlader)

1

23. Simone Schilling (Gewehr)

1

Beitrag: Harald Strier / Deutsche SchützenZeitung