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Barbara Engleder: „Sie sollen mich als Granate in Erinnerung behalten“

Barbara Engleder: „Sie sollen mich als Granate in Erinnerung behalten“

19.04.2018 – Barbara Engleder hat seit 2004 das Niveau der 1. und 2. Bundesliga geprägt, zuletzt mit einem Ligaschnitt von 398 Ringen. Jetzt sagt sie „Servus“ und widmet sich Familie und Beruf. Im Interview erzählt sie, warum jetzt der perfekte Zeitpunkt ist, um aufzuhören, welche Erinnerungen sie ewig an die Bundesliga haben wird und wie ihre Zukunft im Schießsport aussieht.

Barbara, du hast dich nach deinem Olympiasieg in Rio immer mehr aus dem Leistungssport zurückgezogen. War der Rückzug aus der Bundesliga jetzt der letzte große Schritt des Abschieds?

Engleder: „Ja, eigentlich schon. Mir ist die Entscheidung nicht leicht gefallen, aber irgendwann muss einmal Schluss sein. Ich habe gewusst, dass das irgendwann kommt, aber jetzt ist es für mich der richtige Zeitpunkt. Jetzt bin ich noch richtig gut, und alle können mich als richtige Granate in Erinnerung behalten.“

Warum ist für dich gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um „Servus“ zu sagen?

Engleder: „Ich habe in letzter Zeit, wegen meiner Ausbildung (zur Verwaltungsfachkraft und Sachbearbeiterin Bauamt,  Anm. d. Red.), nicht mehr viel trainieren können. Normalerweise konnte ich mich beim Schießen entspannen, aber das letzte Jahr war so wahnsinnig stressig für mich, vor allem auch wegen des zusätzlichen Prüfungsdrucks, da hatte ich Bedenken, dass ich das noch einmal alles schaffe.“

Deine Familie wird sich sicher freuen, jetzt mehr von dir zu haben…

Engleder: „Ich kann jetzt plötzlich Wochenenden mit meiner Familie verbringen, das habe ich vorher nie gekonnt. Ich kann auf Familienfeste gehen, z.B. wenn jemand einen runden Geburtstag hat, da konnte ich früher nie mitgehen und das gefällt mir. Aber das Schießen wird mir wahnsinnig abgehen. Es ist ein großer Teil meines Lebens. Kein Frage, dass ich da immer mal wieder mit einem weinenden Auge zurückschauen werde. Vor allem, weil es beim Bund München im letzten Jahr so gut gepasst hat. Aber verstecken muss sich dort jetzt keiner, und ich drücke ab jetzt von zu Hause die Daumen.“

War es für dich wichtig, mit einem guten Gefühl aufzuhören, oder spielte bei deiner Entscheidung auch ein bisschen Angst mit, die Leistung nicht mehr halten zu können?

Engleder: „Es ist einfach ein guter Zeitpunkt. Ich bin eine Hundertprozentige. Und wenn ich weiß, ich kann die Leistung nicht mehr bringen, ohne einen Aufwand zu betreiben, zu dem ich nicht mehr bereit bin, dann ist es Zeit zu gehen. Ich habe das vor allem im Bundesligafinale in diesem Jahr gemerkt, dass ich mit den Drucksituationen okay zurechtgekommen bin, aber es war auf des Messers Schneide. Meine Mannschaft hat aber einen Hundertprozentigen verdient, der sich total und tausendprozentig darauf einlässt, mitkämpft und alles dafür tut und nicht eine, die ein bisschen schlenkert. Mir wäre es schon Recht gewesen, nicht mehr die Nummer Eins zu sein, aber ich will nicht irgendwann von selber rausgeschmissen werden, nach dem Motto: „Tut mir Leid Barbara, du bringst die Leistung nicht mehr, du hast in der Bundesliga nichts verloren“.“

War das Bundesligafinale für dich der ausschlaggebende Punkt für den Rücktritt?

Engleder: „Nein, ich habe das ganze Jahr bereits damit gehadert und bereits vor der Saison gesagt: „Das ist definitiv die Letzte. Ich höre auf.“ Aber dann sind wir miteinander weggefahren, das war so schön, die Leute wieder zu treffen, und vor allem die Mannschaftskonstellation beim Bund im letzten Jahr hat mir meine Entscheidung extrem schwer gemacht. Spätestens nach dem dritten Wettkampf war ich so unentschlossen, bin zu Hause gesessen und habe gesagt: „Das kannst du nicht machen. Ich kann das nicht, mir würde das so abgehen.“ Als wir uns in der Dusche in Buch umgezogen haben und eine fetzen Gaudi hatten, da ist meine Gegenwehr total gebröckelt. Das Bundesligafinale ist am Ende einfach unglücklich gelaufen, weil ich direkt danach Prüfungen hatte und den Kopf nicht frei gehabt habe. Diese Prüfung im Hinterkopf hat mir ständig wie ein Messer in den Rücken gestochen. Ich habe einfach heimfahren müssen. Das war für mich wieder so ein ausschlaggebender Punkt, wo ich wusste: Ich kann da nicht hundertprozentig dabei sein, auch dieses Jahr wieder nicht. Das nervt mich, und das will ich meiner Mannschaft nicht antun, denn ich habe wieder Prüfungen und es würde genauso laufen wie im letzten Jahr. Ich weiß jetzt schon, dass bereits drei Termine voll in die Bundesliga fallen würden. Das kann ich nicht bringen.“

Wie denkst du, wird die Mannschaft ohne ihre klare Nummer Eins zurechtkommen?

Engleder: „Ich weiß, dass ich eine brutale Lücke reiße, und das tut mir weh. Aber vor allem mit dem Neuzugang (Korbinian Hofmann, Anm. d. Redaktion), Hanna Bühlmeyer, Denise Erber und Lisa Haensch bin ich mir sicher, dass einige Leute aus sich herauskommen werden und über sich hinauswachsen. Ich bin sicher und das hoffe ich nicht, sondern ich bin überzeugt davon, dass sich die Mannschaft in der Bundesliga halten kann, und vielleicht kann der Trainer auch noch für die ein oder andere Überraschung sorgen, was Verstärkungen angeht. Ich bin mir sicher, dass das Team um Michaela Walo, was jetzt über eine so kurze Zeit zusammengewachsen ist, super ist. Alle haben sich super integriert und das ist einfach ein geiler Haufen. Auch, wenn die ,Mama‘ nicht mehr da ist, wird es immer noch eine fetzen Gaudi sein.“

Du hast die vielen tollen Erinnerungen angesprochen, an welches Bundesliga-Match wirst du dich ewig erinnern?

Engleder: „Ich werde nie vergessen, als ich bei meinem ersten Kampf für den Bund München gegen meinen ersten Ausländer habe schießen müssen. Das war Konstantin Prikotschenko – ein „Überrusse“. Und ich kleines Dirndl (Mädchen, Anm. d. Red.) habe gegen ihn antreten müssen und habe mir in die Hose geschissen. Ich war total schlecht, aber er auch. Wir hatten irgendetwas um die 393 bis 395 Ringe, total grottig, und ich musste in mein erstes Stechen. Stechen habe ich nie gemocht und ich bin ehrlich, ich glaube ich habe genauso viele verloren, wie ich gewonnen habe in meiner Zeit als Bundesligaschützin. Ich schoss eine Neun, er auch. Zweiter Schuss: Neun. Er auch: weite Neun. Dann dachte ich mir: „Das ist ja voll peinlich, jetzt Barbara, mach einmal was Gescheites“ – dann habe ich eine Zehn geschossen und er nochmal eine Neun. Seither habe ich den Kosenamen: „Russenkillerin“. Aber auch die Pfeilschifter-Matches im Lokalderby – die Barbara gegen die kleine Sonja – sind mir gut in Erinnerung. Na gut, das ein oder andere Mal habe ich ihr schon einmal eine dipfeln (besiegen, Anm. d. Red.) können, aber sie wahrscheinlich meistens eher mir.“

Welche weiteren schönen Erinnerungen verbindest du mit der Bundesliga?

Engleder: „Das miteinander Wegfahren und Lachen, miteinander abends zum Essen gehen… Ich weiß noch, als ich einmal mit den Plattlingern abends beim Essen war, da habe ich so viel gelacht, dass ich am Ende Bauchweh davon hatte. Ich werde auch nie das Bundesligafinale mit ihnen vergessen, als wir ganz überraschend Bundesligameister geworden sind. In der Früh haben wir mit Matthew (Emmons, Anm. d. Red.) unterm Trockentraining Weißwürste gegessen. Oder die Geschichten, wo wir im Bund-Bus rumgefahren sind und auf einmal die ganze Mannschaft zu singen angefangen hat. Tausend tolle Erlebnisse, die ich nie vergessen werde.“

Ist das auch der Punkt, der dich am härtesten trifft?

Engleder: „Für mich ist das gar nicht das Schießen, sondern ich werde die Leute so stark vermissen. Das war bei meinem internationalen Rücktritt schon so, und das wird bei der Bundesliga nicht anders sein, vielleicht sogar noch schlimmer, weil es Leute waren, die ich relativ häufig, relativ intensiv dabei gehabt habe. Das fällt mir sehr schwer.“

Viele Leute, die aufgehört haben sagen, dass sie vor allem die Leute vermissen…

Engleder: „Das ist das ausschlaggebende Problem an der Sache. Deshalb versuche ich bei jedem Weltcup, bei jedem internationalen Wettkampf und den Meisterschaften noch nach München zu fahren. Und dann ist es wunderschön, alle wieder zu sehen, aber das Zusammensitzen und Kudern (Lachen, Anm. der Redaktion), das wird man nicht mehr haben. Das fällt mir am schwersten, denn die Entscheidung vom Schießen her war getroffen, aber die Entscheidung vom Herzen her, eigentlich noch dabei sein zu wollen, die habe ich mir nicht leicht gemacht. Deswegen habe ich auch so lange gebraucht, Nägel mit Köpfen zu machen. Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen.“

Du hast die Meisterschaften angesprochen, wirst du dort noch an den Start gehen?

Engleder: „Ich werde beim Luftgewehr dabei bleiben, weil das wieder so eine Herzensangelegenheit ist. Mit Claudia Keck und Nicole Brodmeier ist da immer noch mein altes Team zusammen. Selbst ohne Training fahren wir immer auf die Bayerische und - wenn wir es schaffen - auf die Deutsche. Das lassen wir uns nicht nehmen.“

Wie wirst du dem Schießsport trotzdem erhalten bleiben?

Engleder: „Wer auch immer etwas braucht oder von mir möchte, der kann sich bei mir rühren. Erst letztens hat mich eine Schwangere angeschrieben, die nicht wusste, ob Schießen fürs Kind schädlich ist. Ihr Frauenarzt konnte ihr nicht weiterhelfen, deshalb hat sie mich gefragt, ob ich ihr nicht helfen könne. Ich hab ihr geschrieben, was ich beachtet habe, aber auch gesagt, dass das eine individuelle Geschichte sei. Sie war so dankbar, und da freut es mich schon, wenn mich mal jemand um Rat fragt. Denn auch wenn ich physisch vielleicht nicht mehr als Schützin da bin, bin ich auf jeden Fall menschlich noch voll mit dabei.“

Und du trainierst Jugendliche, oder?

Engleder: „Ein ganz großer Teil von mir ist Jugendarbeit. Vor allem für meinen Heimatverein, die Bergschützen Voglarn. Ich halte auch immer noch viele kleinere Vorträge, mache Jugendtraining in verschiedenen Gauen, die mich einladen, und wenn es für die Jugend ist, dann mache ich das super gerne. Aber auch ein jeder andere darf sich gerne bei mir melden, denn das freut mich. Wenn jemand ein Problem hat oder eine Frage, dann bin ich die Letzte, die nicht hilft.“

Das sich gegenseitige Helfen ist für dich ein großer Punkt. Wie hat dir die Bundesliga für deinen sportlichen Erfolg geholfen?

Engleder: „Offen und ehrlich gesagt, in den letzten Jahren nicht mehr so viel, denn für die Zehntelwertung ist der Bundesligamodus nicht sehr förderlich. Die Wettkämpfe selbst sind gut, da man dort auf Hochspannung ist, aber man versucht auf Biegen und Brechen so schnell wie möglich seine Zehner zu schießen. Die Akribie und Präzision, die du brauchst, um eine 10,5 aufwärts zu schießen, die geht dabei verloren. Man lässt eher die Drecksau raus. Wenn die Bundesliga ebenfalls auf Zehntel umgestellt werden würde, würde das auf jeden Fall wieder mehr für die internationalen Wettkämpfe bringen. Aber vor allem für die Finals im vorolympischen Zyklus war die Bundesliga ausschlaggebend dafür, dass ich mit Stresssituationen besser zurecht gekommen bin. Da sollte man wieder hinkommen, um auch international wieder interessanter zu werden.“

Braucht auch die Bundesliga einen kleinen Umbruch?

Engleder: „Davon bin ich fest überzeugt, dass das passieren muss. Man muss publikumsinteressanter werden. Wenn man sieht, was für eine tolle Resonanz wir bei den Olympischen Spielen hatten, wie interessant das im Fernsehen dargestellt wurde, dann muss man sagen: So sollte man das mit der Bundesliga auch machen. Da dürfen wir nicht schlafen, sondern müssen ordentlich Werbung machen, denn dann springt am Ende auch noch ein bisschen was für die Schützen raus. Am Ende würde ich mir wünschen, dass wir einen Bekanntheitsgrad wie beispielsweise Biathlon haben. Das wäre toll und wünschenswert, ich würde es jedem gönnen. Unser Sport ist interessant, und man muss es schaffen, es jedem so rüberzubringen, dass er kapiert, um was es geht. Dann bin ich fest davon überzeugt, dass wir da eine Schippe drauf legen können.“

Was würdest du gerne den Schützen zum Ende noch mitgeben?

Engleder: „Das allerwichtigste am Schießen ist nicht die Ringzahl, die am Ende rauskommt, sondern der Spaß und die Überzeugung von dem, was man tut. Wenn man immer fair bleibt, dann können sich Freundschaften fürs Leben entwickeln – ich habe diese auf alle Fälle gefunden. Mir hat der Schießsport viel gegeben, und wenn man das auf dem richtigen Weg und mit der richtigen Art und Weise macht, dann kann nur etwas Positives dabei rauskommen. Und wenn man über alles positiv denkt und versucht, seine Sache gut zu machen, dann kann man nichts verkehrt machen.“