Bundesliga

Bundesliga Luftgewehr: Wenn der Kopf entscheidet

Bundesliga Luftgewehr: Wenn der Kopf entscheidet

21.11.2018 – Es ist die vierte Saison für Trainer Enrico Friedmann beim Bundesligaverein SV Wieckenberg. Er setzt in der Liga auf junge Talente, die er langfristig aufbauen kann. In diesem Jahr gelang dem Team sogar ein Sieg gegen den Deutschen Meister SB Freiheit – ein Sieg, der im Kopf entschieden wurde. Im Interview erzählt Friedemann, warum mentale Stärke in der Bundesliga wichtig ist, was er darunter versteht und welche Rolle Selbstvertrauen und Rituale auf dem Weg zum Erfolg spielen.

Deine Mannschaft aus Wieckenberg hat letztens im Top-Duell gegen den Deutschen Meister Freiheit Mannschaftsbestleitung geschossen. Einige Sportler schaffen es, ihre Leistung auf den Punkt abrufen, andere nicht. Warum?
Friedemann: „Das kommt immer auf die Umstände an. Gegen Freiheit hatten wir nichts zu verlieren, sie waren der Favorit. Wir haben die Mannschaft so eingestimmt, dass sie einfach ihren Wettkampf machen sollen. Inzwischen sind die jungen Talente soweit gereift, dass sie sich nicht aus ihrem Konzept und ihrer Arbeitsweise rausbringen lassen, sondern das durchziehen, was sie sich vorgenommen haben. Sicherlich nicht immer, aber es ist ein Grundprinzip, um einen Erfolg – vielleicht auch erst einmal für sich selbst – zu generieren.“

Diesen Erfolg schreibst du vor allem der mentalen Stärke deines Teams zu. Entscheidet auf diesem Niveau der Kopf über Sieg oder Niederlage?
Friedemann: „In der Bundesliga mit Sicherheit. Klar gibt es Unterschiede im Leistungsniveau, aber auf den ersten Positionen hat die Liga ihre eigenen Gesetze. Da kommt es zum Beispiel darauf an, wer zuerst fertig ist und wie ich mich mit dem Ergebnis auseinandersetze. Ausländer, die kein Deutsch verstehen, haben es da natürlich noch ein bisschen leichter dies auszublenden und sind dadurch befreiter, aber bei allen anderen werden die Wettkämpfe im Kopf entschieden.“

Da haben vor allem schnelle Schützen einen großen Vorteil…
Friedemann: „Durch schnelles Schießen kann man den Gegner unter Druck setzen. Gerade bei Isabell Ruschel hat man gegen Freiheit gesehen, dass dies das Erfolgsrezept gegen eine ebenfalls schnelle Martina Prekel war. Martina ist mit zweimal 100 Ringen gestartet, aber Isabell war zehn Schuss voraus und hat mit 100 Ringen ihren Wettkampf beendet. Eigentlich war das Duell bereits für Freiheit entschieden, aber dann setzten die berühmten Gedanken ein. Martina kam ins Schwingen und der Wettkampf änderte sich.“

Immer wieder kann man beobachten, dass Schützen hervorragend anschießen und auf einmal das Gerüst zu bröckeln beginnt. Was können Sportler machen, wenn sie auf einmal ins Wanken kommen?
Friedemann: „Das ist die Kunst. Man kann diese negativen Gedanken nie verdrängen, aber man muss Handlungsmuster für sich entwickeln, wo man lernt, mit diesen Gedanken umzugehen. Martina hat eine längere Pause gemacht, das Gespräch mit dem Trainer gesucht und ist gut zurückgekommen, aber letzten Endes wieder eingebrochen. Das ist die Besonderheit der Bundesliga: Man ist eben kein Einzelkämpfer, sondern eine ganze Mannschaft hängt dran. Freiheit wusste nach der Niederlage am Vortag, dass sie gewinnen müssen. Am Ende sind es dann viele kleine Punkte, die auf einen Schützen miteinwirken.“

Prekel hat das Gespräch mit ihrem Trainer gesucht, viele Schützen suchen aber während des Wettkampfes auch das Gespräch mit sich selbst. Helfen diese Selbstgespräche?
Friedemann: „Selbstgespräche sind eine Art Selbststeuerung, die auch ich als Sportler sehr oft und intensiv genutzt habe. Ich habe versucht, mich durch diese Gespräche von negativen Gedanken zu befreien. Bestandteil dieser Selbstgespräche waren Eckpunkte meines Schießens, die ich selbst gewählt habe und mir immer wieder vorgesagt habe. Darauf habe ich mich fokussiert. Dadurch schafft man es, diese negativen Gedanken beiseite zu rücken – auch wenn sie nie ganz weggehen, aber man besinnt sich wieder auf das Wesentliche, was zur Zehn führt.“

Positives Denken ist also ein wichtiger Knackpunkt für den Erfolg. Was gehört für dich noch zu mentaler Stärke?
Friedemann: „Gute Ergebnisse. Viele Schützen in der Bundesliga gehen in den Wettkampf und sind einfach von sich selbst überzeugt. István Péni ist ein Beispiel. Für ihn gibt es nichts anderes als zu siegen. Er setzt sich gar nicht erst mit seinem Gegner auseinander. Für ihn besteht nur das eine Ziel: 400 zu schießen. Dieses Selbstbewusstsein ist für mich der Ausdruck mentaler Stärke. Man kennt das von sich selbst: Sobald man ein paar gute Wettkämpfe geschossen hat, geht man mit viel mehr Selbstvertrauen in die nächsten hinein.“

Aber die Kunst dabei ist es ja, diese Stärke auch zu besitzen, wenn es nicht läuft…
Friedemann: „Das kann man nur, wenn man sich diese Handlungsmuster erarbeitet, Schubladen hat, die man ziehen kann und Werkzeug besitzt, das man benutzen kann. Deshalb arbeiten immer mehr mit Mentaltrainer zusammen.“

Du sagst, für István Péni ist sein Selbstbewusstsein ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Was zeichnet sonst noch eine mental starke Person aus?
Friedemann: „Trainingsfleiß. Ich habe viele Gespräche mit ihm geführt und Péni entwickelt schon beinahe eine kleine Krise, wenn er einen Tag nicht schießen kann. Dieses umfangreiche Training ist elementar für seine Sicherheit. Dort entwickelst du Automatismen, die dich retten, wenn du in Krisenphasen kommst.“

Es sind diese unendlich vielen Rituale, die man sich als Schütze über die Zeit angewohnt…
Friedemann: „Wenn man in einem großen Wettkampf steht, darfst du nicht mehr darüber nachdenken müssen, wann du abdrücken musst. Es muss alles automatisch ablaufen. Dieser Automatismus rettet dich. Das Gewehr muss nicht ruhig stehen, auch wenn sich das viele Schützen vielleicht wünschen, denn das geht nicht. Diese Diskrepanz zu akzeptieren, ist die Problematik zwischen Training und Wettkampf. Dort beginnt der Kreislauf der Trainingsweltmeister. Diese wollen es im Wettkampf genauso gut hinbekommen, das Gewehr genauso ruhig bringen wie im Training, aber das passiert halt nie.“

Richtig.
Friedemann: „Gerade wenn ein Training nicht gut läuft, muss man versuchen, das Beste aus der Situation herauszuholen. Wenn ein Training läuft, ist das keine Kunst. Genau dann ist es eher sinnvoll, ein solches Training einmal abzubrechen als eines, das schwer fällt.“

Mario Gonsierowski, Trainer von Olympiasiegerin Barbara Engleder, hat immer gesagt, dass die besten Schützen die besten Krisenmanager seien, denn es gäbe schlichtweg keinen krisenfreien Wettkampf.
Friedemann: „So ist es. Die Top-20 der Welt werden sich technisch gesehen nicht viel unterscheiden. Alle sind in der Lage sehr hohe Ergebnisse im Training zu schießen, aber im Wettkampf zählt zu mindestens 95 Prozent der Kopf.“

Hast du zum Abschluss noch einen Tipp an alle, die mental einen Schritt vorwärts kommen wollen?
Friedemann: „Herr Klingner, der einzige deutsche KK-3x40-Olympiasieger hat mir eines mit auf den Weg gegeben: ‚Enrico, du weißt, um Olympiasieger zu werden, musst du drei Sachen machen: Üben, üben, üben.‘ Am Ende gibt es keine Lösung für alle, denn jeder ist individuell, und so muss jeder einen guten Weg für sich selbst finden.“