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DSB: Interview mit Chef-Bundestrainer Thomas Abel

DSB: Interview mit Chef-Bundestrainer Thomas Abel

05.12.2018 – Thomas Abel ist der erste Chef-Bundestrainer in Diensten des Deutschen Schützenbundes. Seit dem 1. November 2018 bekleidet der 42-jährige Wettenberger die neue Position, nachdem er in den vergangenen neun Jahren den DSB als Verbandsmanager des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) betreute. Im Interview äußert er sich zu seinen Aufgaben, wie es zu seinem DSB-Engagement kam und zum DSB-Sportjahr 2018.

Wie sieht der Aufgabenbereich des ersten Chef-Bundestrainers im DSB aus?
Abel: „Die Cheftrainerstelle ist im Schützenbund neu geschaffen und weicht wahrscheinlich auch von denen in anderen Sportarten und Verbänden ab. Es ist nicht so die Trainingsarbeit am ,Mann‘, wie man es sich im Fußball oder bei anderen olympischen Sportarten vorstellt. Es geht hier eher um den administrativ übergeordneten Bereich in der Steuerung der Leistungssportprozesse, die federführend der Sportdirektor innehat,  die Zusammenarbeit mit ihm zusammen und den übergeordneten Institutionen BMI, DOSB und Olympiastützpunkten und natürlich auch verbandsintern mit den Bundesstützpunkten. Es ist nicht – das habe ich auch in den ersten Tagen gegenüber den Trainern formuliert, die ich ja z.T. schon seit neun Jahren kenne  – dass ich der Cheftrainer bin, der den Bundestrainern sagt, wie sie zu trainieren haben. Da sind sie die Spezialisten und sehr, sehr kompetent.“

Das klingt alles nach dem Anforderungsprofil des Sportdirektors. Diesen hat der DSB aber bereits mit Heiner Gabelmann…
Abel: „Genau! Die übergeordneten administrativen Dinge sind in den letzten Jahren aber sehr viel mehr geworden, die Heiner Gabelmann und Michel Gomez als Leistungssportreferent bearbeiten müssen. Deshalb müssen sich gerade große Verbände wie z.B. der DSB personell anders aufstellen, sei es über eine Cheftrainer-Stelle oder einen zweiten Leistungssportreferenten. Im Zuge der Leistungssportreform und mit PotAS und der Bearbeitung, die auf uns zukommen wird, hat die Arbeit in diesem Bereich deutlich zugenommen und wird es zukünftig noch mehr. Das ist für den Sportdirektor alleine gar nicht leistbar.“

Sie haben ihre leistungssportlichen Meriten im Radball erworben. Der eine Sport lebt von Emotionen, der andere Sport muss im entscheidenden Moment Ruhe bewahren. Können die Schützen von Ihnen etwas lernen und umgekehrt?
Abel: „Erst einmal: Geschossen wird in beiden Sportarten (lacht). Ich komme von außen, aber ich betreue den DSB seit dem 1. September 2009. Es ist der Verband, den ich beim DOSB am längsten betreut habe, kenne die meisten handelnden Personen und viele Sportler. Deswegen fühle ich mich nicht als „Fremder“, aber ich möchte mir nicht anmaßen, dass ich mich im Bogen- und Schießsport von A bis Z auskenne. Generell sehe ich es so, dass die Struktur in den Sportarten und Verbänden, unabhängig ob olympisch oder nicht-olympisch, Mannschafts- oder Einzelsport sehr ähnlich sind. Die Befindlichkeiten der Athleten sind auf einem gewissen Niveau identisch, auch in diesem Fall unabhängig davon, ob es ein olympischer oder nicht-olympischer Sport ist oder der Erfolg bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften erzielt wurde. Die Sportler merken schnell, dass sie verstanden werden, und ich empfand es früher als Sportler angenehm, wenn auf mich jemand zukam, der ebenfalls einen sportlichen Hintergrund hatte. Ich glaube, dass sich mittlerweile auf der Geschäftsstelle einige Mannschaftssportler befinden, die wissen, dass es alleine nicht funktioniert. Und das merken auch Individualsportler, dass es nur als Team klappt. Nicht an der Schießlinie, aber als Team drumherum mit Trainer, Physiotherapeut oder eben auch die Geschäftsstelle, die allesamt die Voraussetzungen schaffen, dass sich der Sportler voll und ganz auf seine Leistungen konzentrieren kann.“

Haben Sie als Verbandsmanager für den Bogen- und Schießsport beim DOSB eigentlich ihre neue Position mitgeschaffen?
Abel: „Ja, sicherlich! Die Entscheidung ist aber nicht im letzten halben Jahr gefallen, sondern im Nachgang der nicht sonderlich erfolgreichen Olympischen Spiele 2012 in London getroffen worden. Ein Punkt daraus war die Schaffung der Position des Chef-Bundestrainers aus Bundesmitteln. Und diese Position ist nun durch den Aufwuchs des Sporthaushalts 2018 möglich geworden.“

Wann ist bei Ihnen der Entschluss gereift, sich auf die Position zu bewerben?
Abel: „Aus einigen Gesprächen seit Ende August war mein Interesse an dieser Position geweckt. Nachdem die Stelle final durch das BMI in Aussicht gestellt wurde und der DSB seine genauen Vorstellungen über die Ausschreibung der Cheftrainerposition veröffentlicht hatte, war mir klar, dass ich genau diese Stelle sehr gerne einnehmen würde. Im Nachgang eines erfolgreichen Vorstellungsgesprächs ging dann alles sehr schnell.
Ich habe 2009 angefangen beim DOSB und erst Ende 2012/Anfang 2013 nach einem olympischen Zyklus war ich auf einem Stand, wo ich den Verbänden vollumfänglich helfen konnte. Am Anfang bin ich auf einen DSB-Sportdirektor Heiner Gabelmann getroffen, der einen unheimlich großen Wissensvorsprung nicht nur im Bogen- und Schießsport, sondern auch in meinem Kernarbeitsbereich hatte. Ich konnte immer viel von ihm lernen, es war immer ein gutes Miteinander und immer auf Augenhöhe. 2012 hätte ich mich nie in der Situation gesehen, so eine Stelle auszufüllen.“

Auch ein Chef-Bundestrainer muss sich an den Ergebnissen seiner Athleten messen lassen. Sie waren in Changwon vor Ort. In welchem Bereich sehen Sie mit Blick auf Tokio 2020 den größten Handlungsbedarf?
Abel: „Insgesamt darf man nicht vergessen, dass es schwierig ist, eine Leistungseinschätzung für einen Tag abzugeben. Man muss in meinen Augen die gesamte Saison betrachten. Die Flintendisziplinen waren sicherlich nicht so erfolgreich wie der Disziplinblock Gewehr oder auch die Parade-Disziplin Schnellfeuerpistole. Aber auch dort hat es in Changwon z.B. nicht funktioniert, obwohl im Jahr herausragende Leistungen erzielt wurden. Es deshalb nur an einem WM-Ergebnis festzumachen, ist eine zu enge Sichtweise. Im Bogenbereich gab es 2018 bei jedem Weltcup eine Medaille, was natürlich für die Quotenplatz-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr in den Niederlanden hoffen lässt.
Ich muss mir in Gesprächen mit den Bundestrainern und Heiner Gabelmann einen noch besseren Überblick verschaffen, denn diesen nur aus Ergebnissen zu verschaffen, ist zu wenig. Das Potenzial ist überall vorhanden, auch wenn die Sportlerdecke vielleicht nicht ganz so dick ist, wie man sie sich wünschen würde. Es kommt immer auch auf die Tagesform und ein Quäntchen Glück an.“

"Alle ins Gold" und "Gut Schuss" heißen die Wünsche vor einem Wettkampf. Haben Sie selber schon praktische Erfahrung mit einem der Sportgeräte gesammelt?
Abel: „Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass meine praktischen Erfahrungen minimal sind! Vor ein paar Jahren habe ich im Schützenverein in meiner Heimat Krofdorf-Gleiberg mit dem Luftgewehr an einem Ortspokal der ansässigen Vereine teilgenommen, mehr kann ich leider nicht vorweisen. Ich möchte dies aber gerne in allen Disziplinen nachholen, um einfach einmal ein besseres Gefühl für jede Disziplin zu bekommen."