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DSB-Themenwoche: Die Entwicklung der Zielscheiben im Schieß- und Bogensport

25.09.2020 09:29

Egal, ob Bogen-, Flinten-, Pistolen oder Gewehrschütze – alle haben sie ein Ziel: Sie wollen treffen. Am besten in die Mitte. Doch obwohl sie alle das gleiche Ziel verfolgen, haben sie unterschiedliche Ziele vor den Augen. Rund zwei Dutzend unterschiedliche Scheiben sind heute noch in der Sportordnung des DSB verankert. Diese Geschichten stecken hinter den heutigen Zielscheiben:

Bild: DSB Archiv / Vogelschießen in Hannover im 16. Jahrhundert.
Bild: DSB Archiv / Vogelschießen in Hannover im 16. Jahrhundert.

Gewehr/Pistole:

Zielscheiben, wie wir sie heute kennen, also ohne irgendwelchen bildlichen Schmuck und ausschließlich mit Zielkreisen, tauchen in dem Moment auf, wo das Schießen ausdrücklich - auch mit diesem Begriff - zum "Sport" wurde. Das war um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als auch die technische Entwicklung der Waffen zu einer höheren und feineren Präzision führte. In den 1860er Jahren erweiterte der französische Büchsenmacher Gastinne-Renette sein Geschäft an der Champs Elysee und einen Schießstand, geschossen wurde dort in den 16- und 28-Meterboxen mit vornehmen Zuschauern auf der Galerie. Er entwickelte Schießwettbewerbe, die auf kleine Papierzielscheiben oder – in Anlehnung an die Duellsituation – auf große Silhouettescheiben ausgetragen wurden. Ein Schießstand, der später auch zur Anlaufstation der ersten Olympiasieger wurde. So entwickelte sich das Duellschießen bei Gastinne-Renette von der (überlebenswichtigen) Übung für den Austrag von Ehrenhändeln zur schießsportlichen Disziplin. Geschossen wurde auf 1,60 Meter hohe Figurenscheiben, die eine Silhouette eines im Gehrock mit hohem Kragen gekleideten Mannes im Profil zeigten. Die Scheiben waren aus schwarz gestrichenem Metall mit drei aufgesetzten, ebenfalls metallenen Trefferflächen in Brusthöhe und weiteren darunter und darüber, die unterschiedlich viele Trefferpunkte zählten. Die Distanzen betrugen 16 oder 25 Meter, der Wettkampf wurde im K.O.-System ausgetragen. Ringscheiben aus Papier finden sich aber auch bereits im Stukenbrok-Herstellerkatalog 1912 wieder. Bis zu 20 Ringe konnten auf den Deutschen Scheibengewehr-Ringscheiben erzielt werden. In den 1930er Jahren (also auch während der Zeit, in der der DSB schon aufgelöst war), zeigt sich auf den Scheiben, dass das Schießen für den militärischen Einsatz "im Feld" trainiert werden sollte (Gefechtsscheiben", Geco-Katalog S. 190).

Auch Jagdscheiben mit Tiermotiven finden immer wieder Verwendung, aber auch in diesem Bereich wurden immer wieder bewaffnete Männer auf den Scheiben abgebildet, die Wilderer darstellen sollten. Nach dem 2. Weltkrieg gibt es diese Silhouettenscheiben allerdings nur noch in abstrakter Form beim Schnellfeuerschießen bis sie 1990 durch eine runde Zielscheibe ersetzt wurden. Dass die Leistung der Schützen stetig nach oben ging, zeigt auch die Entwicklung der Schießscheiben: Während 1979 die Ringbreite der 10 noch mit einen Millimeter auf der Gewehr- und Armbrust(10m)-Scheibe in der Sportordnung dargestellt wurde, halbierte sich die Zehn auf heute nur noch 0,5 Millimeter. Im Kleinkalibergewehr-Bereich reduzierte sie sich von 12,4 auf 10,4 Millimeter, bei der Luftpistole von 12 auf 11,5 Millimeter.

Bild: DSB Archiv / Schnellfeuer-Pistolenscheiben in ihrer Entwicklung.
Bild: DSB Archiv / Schnellfeuer-Pistolenscheiben in ihrer Entwicklung.

Eine echte Revolution bahnte sich allerdings mit der Einführung von elektronischen Trefferanzeigen an, die man heute in jedem modernen Schießstand vorfindet. Entwickelt  wurden diese 1960 für das Großkaliber-Gewehrschießen auf 300m in der Schweiz und erstmals von der ISSF bei den Weltmeisterschaften 1978 in Seoul verwendet. Damit ebneten sie den Weg für eine bessere mediale Darstellung im TV und für Zuschauer. 1989 wurden elektronische Scheiben für die 50-Meter-Disziplinen im Weltcup-Finale 1989 eingesetzt, nur ein Jahr später zogen die 10-Meter-Disziplinen nach. 1992 wurden erstmals alle Gewehr- und Pistolendisziplinen auf elektronischen Trefferanzeigen bei  Olympischen Spielen ausgetragen. Eine weitere Entwicklung fand mit der Einführung der Zehntelwertung bei internationalen Wettbewerben ab 2013 statt.

Flinte:

Das Schießen auf kleine Wurfscheiben hat seinen Ursprung im jagdlichen Schießen und sollte die Rebhuhn- bzw. Entenjagd nachahmen. Wurde anfangs noch auf lebendige Tauben geschossen, wurden diese schnell durch „Tontauben“ ersetzt, die von einem Kran aus, der von den Schützen nicht einzusehen war, geschleudert wurden. Sogenannte Monaco-Tauben hatten im inneren eine rote Fahne, die bei einem Treffer herabfiel und innerhalb eines Kreises landen musste, der von einem ein Meter hohen Drahtzaun umgeben war. Reichte bei Tontauben ein Halbkreis, musste bei lebenden Tauben ein voller Kreis gezogen werden, da ihre Flugrichtung in alle 360 Grad-Richtungen erfolgen konnte. Betrug die Distanz beim Schießen auf lebende Tauben rund 27 Meter, wurde die Distanz bei Tontauben auf 15 Meter verkürzt. So verwundert es nicht, dass das Schießen auf Tontauben lange Zeit Teil der Jägerausbildung war. Wichtig dabei: Die Schüler im Schrotschießen sollten sich möglichst schnell auch an die Abgabe des zweiten Schusses gewöhnten, um ein angeschossenes Wild nicht unnötig leiden zu lassen. Heute kennen wir diese Disziplin als Skeet.

Laufende Scheibe:

Wie beim Flintenschießen liegen auch in der Disziplin Laufende Scheibe die Ursprünge in der Jagd. Das erste ISSF Laufende Schiebe-Event wurde auf einen in 100 Meter rennenden Hirsche ausgetragen und fand 1900 ins olympische Programm. Zum letzten Mal wurde es bei den Weltmeisterschaften 1962 ausgetragen. Die Neuauflage wurde auf einen 50 Meter entfernten laufenden Rehbock ausgetragen, der zuerst mit einer Zentralfeuerpistole, dann mit Kleinkaliber-Waffen beschossen wurde. Doch die ISSF entschloss sich schnell den Rehbock in ein Wildschwein auszutauschen, da es eher akzeptiert schien auf ein Wildschwein, als auf ein kleines Reh zu schießen. 1980 entwickelten sich die Wettkämpfe auf zehn Meter und auch hier waren es wieder Wildschweine („Laufender Keiler“), die die Scheibe zierten.

Armbrust:

Bei der Armbrust gibt es vor allem eine Besonderheit: Das Vogelbaumschießen. Das Schießen auf ein Vogelziel ist vielleicht die älteste Schießdisziplin überhaupt. Schon vor Troja schossen die Griechen (laut Homer) mit Pfeil und Bogen auf eine oben an einem Schiffsmast angebundene Taube. (Holz-)Vogel- und Papageienschießen hat sich über das Mittelalter bis heute erhalten und wird in vielen Vereinen als traditionelles Element gepflegt. Sogar bei den Olympischen Spielen im Jahr 1900 in Paris und 1920 in Antwerpen wurde mit der Armbrust und mit Pfeil und Bogen auf einen oder mehrere Holzvögel geschossen.

Beim Sternschießen gilt es, die in 29 Metern Höhe  hängenden Sterne mit den 18 8,5 x 8,5 Zentimeter großen Holzscheiben (Plattl) mit der Armbrust zu treffen. Dabei steht der Schießtisch ganze vier Meter vom Adlerbaum entfernt, wodurch sich (wie beim Scheibenschießen) eine Flugdistanz des Bolzens von ebenfalls 30 Metern ergibt. Dieses Sternschießen kann mit einem Scheibenschießen im Stehendanschlag kombiniert werden und findet so heute vor allem auf der Deutschen Meisterschaft Armbrust national traditionell im Rahmen des Münchner Oktoberfestes noch ihren Einsatz. Ein besonderer Wettkampf ist auch das sogenannte Adlerschießen. Dabei wird mit der Vogelarmbrust auf einen hölzernen Adler (ca. 2,15m hoch und 1,80m breit) geschossen, der am Vogelbaum befestigt ist. Sieger ist der Schütze mit dem höchsten Gesamtgewicht des abgeschossenen Holzes.

Bogen:

Während sich im Schießsport die Scheiben immer wieder veränderten, bleiben sich die Bogenschützen treu. Seit jeher bestehen 10-Ring-Scheiben bei den Recurve- und Compoundschützen aus den Farben Gelb (Gold), Rot, Blau, Schwarz und Weiß und werden auf die unterschiedlichen Distanzen angeglichen. „Alle ins Gold!“ – also ins Zentrum - wünschen sich die Bogenschützen beim Wettkampf.  Im Feldbogenbereich besteht die Scheibe hingegen lediglich aus einer goldenen Mitte mit einem schwarzen Rand. Die höchste Wertung ist dabei eine Sechs. 3D-Schützen hingegen verwenden Tiernachbauten als Zielscheibe und ahmen wie Laufende Scheibe und Flintenschießen das Jagen nach.

Schützenscheiben:

Sie zieren beinahe jedes Schützenheim und sind die Zeitzeugen der Geschichte: Ehrenscheiben. Zur Geburt, zur Hochzeit, zum Jubiläum oder zu einem besonderen historischen Ereignis – eine Schützenscheibe aus Holz mit prachtvollen Gemälden darf nicht fehlen. 1743 gab zu Ehren der 23-Jährigen Erzherzogin und österreichischen Landesmutter Maria Theresia, die ihren ersten Sohn bereits zweieinhalb Jahre zuvor zur Welt brachte,  ein Haupt- und Freudenschießen. Dabei wurde auf insgesamt sechs Scheiben auf fast genau 100 Metern Entfernung mit Scheiben-Büchsen geschossen. Ein Pistolenschießen gab es ebenfalls. Auf der Glücksscheibe gab es ein silbernes Tafelservice im Wert von 440 Gulden zu gewinnen, wofür man heute einen Kleinwagen bekäme. Eine Tradition, die in vielen Vereinen bis heute Bestand hat.

Quelle:

DSB Archiv

World Archery (2019). Disciplines. Zuletzt aufgerufen am 24.09.2020 unter https://worldarchery.org/Disciplines

 

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