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"Da habe ich nicht lange überlegt"

31.07.2012 12:08

Karl-Ernst Weißmann (Foto), vielfacher Deutscher Meister mit der Feldarmbrust und WM-Teilnehmer für den Deutschen Schützenbund, rettet junge Frau vor Vergewaltigung. Nun erhält er den Zivilcourage-Preis vom Weißen Ring.

Auf einem abgelegenen Feldweg in die Hände eines Vergewaltigers zu geraten - das muss ein Alptraum für jede Frau sein. In Meßstetten hat ein beherzter Helfer ein Opfer aus dieser Lage befreit. 

Karl-Ernst Weißmann ist ein sportlicher Typ. Als passionierter Radfahrer geht der Raumausstatter im hügeligen Gelände rund um seine Heimatstadt Meßstetten (Zollernalbkreis) regelmäßig auf Tour. Auch den sonnigen Tag der Deutschen Einheit 2011 nutzt der 51-Jährige für eine Sporteinheit.

Auf dem Rückweg hört er aus Richtung eines Feldwegs Schreie. Zuerst glaubt er an Kinder, erzählt er, doch dann werden die Rufe deutlicher. Es sind Hilferufe. Weißmann steuert auf ein abgestelltes Auto zu, beobachtet durch die Scheiben ein Handgemenge und reißt die Tür zum Rücksitz auf. Herausgekrochen kommt ein Mann und herrscht ihn an, er solle weiterfahren. Alles sei in Ordnung. Doch nichts war in Ordnung, wie Weißmann schildert.

Während sich der Mann vor ihm aufbaut und versucht, ihn wieder abzuwimmeln, springt eine junge Frau aus dem Auto. Zitternd, in zerrissener Kleidung und mit Würgemalen am Hals sucht sie Schutz hinter ihm: 'Ich gehe mit Ihnen', sagt sie.

Nach kurzem, verbalem Disput setzt sich der Angreifer in sein Auto und prescht schließlich mit Vollgas davon - nur knapp an den beiden vorbei: 'Ich dachte erst, der wollte uns umfahren', erinnert sich Weißmann. Er hat durch sein Einschreiten die Vergewaltigung der jungen Frau verhindert. Den Rest erledigte später die Polizei. Sie konnte den Mann festnehmen.

'Das hat sich halt so ergeben', wiegelt Weißmann heute ab, nachdem er es sich auf der heimischen Couch bequem gemacht hat und die Szenen jenes Oktobertags rekapituliert. 'Eigentlich', sagt er, 'bin ich jemand, der solchen Situationen aus dem Weg geht. Aber da habe ich nicht lange überlegt.' Angst? Die habe er nie gehabt. 'Der Mann hat mich ja nie bedroht, er wollte mich nur loswerden.' Im Ernstfall hätte er ja noch sein Rad dabei gehabt, sagt er, als Schutzschild oder als wendiges Fluchtmittel. Aber auch wenn es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen wäre: 'Einfach wieder gegangen wäre ich sicher nicht', sagt er entschlossen.

Fühlt er sich deshalb als Held? Der Mann mit den grau-melierten Haaren lacht verlegen. Viel Aufhebens will er um seine Tat nicht machen. Anderer Meinung waren da allerdings die ermittelnden Polizeibeamten. Sie meldeten sein ebenso mutiges wie besonnenes Einschreiten dem Opferschutzverband Weisser Ring.

Am Dienstag hat Weißmann dessen Zivilcourage-Preis erhalten. Neben ihm im Wohnzimmer sitzt auch seine Frau Manuela auf der Couch. Sie fuhr damals die verängstige Frau nach Hause zu deren Eltern. Sie sagt: 'Ich finde es komisch, dass Leute einen Preis bekommen, nur weil man anderen Menschen hilft.' Ihr Mann nickt. Natürlich fühlt Weißmann sich durch den Preis geehrt und er freut sich über die Auszeichnung, aber für ihn war und ist sein Verhalten selbstverständlich. Gleichzeitig warnt er aber sich selbst und auch andere vor einem falschen Heldenmut: 'Den haben manche schon mit ihrem Leben bezahlt.'

Auch in Zukunft will er entsprechende Situationen erst taxieren, bevor er handelt. 'Manchmal reicht es ja schon, die Polizei anzurufen', wirft seine Frau ein.

Beitrag: Simon Wagner, DPA
Foto: DPA

Mit freundlicher Genehmigung der "Gmünder Tagespost"