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DSB-Themenwoche: Die duale Rolle von Eltern als Trainer

10.12.2020 08:29

Selina Gschwandtner zählt mit Europameistertiteln, WM-Medaillen, Weltcup-Siegen und einer Olympiateilnahme zu den erfolgreichsten deutschen Gewehr-Schützinnen der vergangenen Jahre – auch, dank der Unterstützung ihres Trainers und Vaters Theo Gschwandtner. Eine Geschichte über Rollenverteilung, Regeln und Entwicklungsprozesse.

Bild: DSB / Selina Gschwandter entwickelte sich mit ihrem Vater an ihrer Seite zu einer der erfolgreichsten deutschen Gewehrschützinnen der letzten Jahre.
Bild: DSB / Selina Gschwandter entwickelte sich mit ihrem Vater an ihrer Seite zu einer der erfolgreichsten deutschen Gewehrschützinnen der letzten Jahre.

Zeit für Training bleibt in Moment nicht viel. Die Projektarbeit für das Studium will abgegeben werden. Darauf fokussiert sich Selina Gschwandtner – zumindest noch bis zur nächsten Woche, dann heißt es wieder, das Gewehr in die Hand zu nehmen und um jede Zehn zu kämpfen. Angefangen hat die Olympionikin ihren Sport durch ihre Eltern, die selbst beide ehemalige Mitglieder des Nationalkaders waren. Aber alles durch Zufall. Kein Muss. Ihr Bruder Marcel und Langeweile legten den Grundstein ihrer erfolgreichen Sportlerkarriere. „Meine Mama hat das Jugendtraining in meinem Heimatort Reischach geleitet und weil mir am Sonntag langweilig war, bin ich mit meinem Bruder Marcel mitgegangen. Dann hat jemand für ein Spiel gefehlt und ich durfte mitmachen!“ So fing alles an. Schnell kristallisierte sich heraus, dass in dem kleinen Mädchen ein echtes Talent steckt, was auch Papa Theo bemerkte, der früh das Zepter im Training übernahm. „Er war der Meinung, dass er das besser bzw. anders kann als die Mama“, so Gschwandtner über die Anfänge, „alles, was ich über Technik und Anschläge weiß, hat mir mein Papa beigebracht.“ Es ist nicht unüblich, dass vor allem Eltern, die selbst im Sport aktiv waren im sportlichen Nachwuchsbereich, aber auch im (Hoch-)Leistungssport zugleich die Trainer sind. Es kommt zur Verschmelzung der beiden Rollen als Eltern und Trainer. Manchmal kann es sein, dass die Eltern bereits vor ihren Kindern als Trainer aktiv waren, so wie Mama Tanja Gschwandtner. Manchmal kann es sein, dass die Eltern erst wegen ihrer Kinder die Trainertätigkeit ausüben, so wie bei Papa Theo Gschwandtner.

Dabei stehen die Eltern vor einer großen Herausforderung, denn sowohl das Training der Kinder als auch die Erziehung gehören zu den anspruchsvollsten Aufgaben. „Es war nicht immer einfach“, gibt auch Tochter Selina zu, „es gab viele Diskussionen, weil man vielleicht auch nicht so viel Respekt hat wie vor einem anderen Trainer und man dadurch Sachen sagt, die man sonst nicht sagen würde.“ Es sei aber gleichzeitig auch ein anderes Vertrauensverhältnis: „Viel intensiver. Kein anderer Trainer kann sich für einen Sportler so viel Zeit nehmen, wie sich mein Papa für mich Zeit genommen hat.“ Es ist diese informationelle und instrumentelle Ebene, die vor allem die Rolle der Eltern widerspiegelt. Hinweise, Tipps, Zeit, aber auch finanzielle Unterstützung durch Material oder Mitgliedsbeiträge, die bezahlt werden. Diese Unterstützung hat auch die Nationalkaderschützin von ihren Eltern erfahren: „Sie haben mich in allem unterstützt. Sie haben mir das Drumherum geschaffen, das alles funktioniert. Sie haben mich finanziell unterstützt, was Ausrüstung betrifft. Da musste ich nie jemanden überzeugen, was sicher für Leute schwieriger ist, deren Eltern nichts mit dem Sport zu tun haben.“ Dabei wird diese Rolle oft den Vätern zugeschrieben, während Mütter die emotionale Stütze darstellen, was auch Gschwandtner bestätigt: „Meine Mama war hauptsächlich stolz auf mich!“

Alles, was ich über Technik und Anschläge weiß, hat mir mein Papa beigebracht.

Selina Gschwandtner, Siegerin des Weltcup-Finals 2015

Dabei ist es vor allem für junge Sportler, die noch zu Hause wohnen, wichtig zu lernen, den Schießstand vom trauten Heim zu trennen.  „Es gab auch Zeiten, wo ich nichts vom Schießen zu Hause wissen wollte“, erzählt die 26-Jährige heute von ihren Problemen damals, „auf Seiten meines Papas war das manchmal schwierig, die Mama hat das eher verstanden und wenn ich von mir aus nicht darüber gesprochen habe, dann hat sie es auch nicht angesprochen. Es ist wichtig, dass man den Schießstand vom Zuhause trennt, dass man in den normalen Familienmodus schaltet, wenn man daheim ist. Mir ist es einfach gefallen, zwischen dem Papa als Trainer und dem Papa zu Hause zu unterscheiden. Meinem Papa ist das deutlich schwerer gefallen.“ Wichtig ist, unterscheiden zu können, wann welche Rolle eingenommen wird. Helfen kann dabei eine gute Kommunikation wie beispielsweise „Jetzt rede ich als Trainer zu dir oder jetzt rede ich als Papa mit dir“. Eine offene Kommunikation sowie gegenseitige Akzeptanz sind dabei die Grundvoraussetzung. Die größte Herausforderung für Eltern ist dabei gleichzeitig, den familiären Erziehungsstil von dem Führungsstil im Sport voneinander zu unterscheiden. Wann ist man Mama oder Papa? Wann Trainer? Durch die viele gemeinsame Zeit, die miteinander verbracht wird, kann es vor allem in der Pubertät zu Herausforderungen kommen, da sich die Kinder überall „kontrolliert“ fühlen und wegen der fehlenden räumlichen und zeitlichen Trennung keinen Rückzugsort mehr finden. Es fehlt der Ausgleich und der Abnabelungsprozess.

Bild: Lisa Haensch / Selina und Theo Gschandtner (3. v. Links) starteten anfangs sogar gemeinsam in einem Team und kämpften sich bis in die Bundesliga.
Bild: Lisa Haensch / Selina und Theo Gschandtner (3. v. Links) starteten anfangs sogar gemeinsam in einem Team und kämpften sich bis in die Bundesliga.

Aber irgendwann kommt er eben, dieser Moment, in dem Eltern nicht mehr auf jeden Wettkampf mitfahren können, vor allem dann, wenn die Schützlinge es auf die internationale Wettkampfebene geschafft haben. Deshalb gehört die Erziehung zur Selbstständigkeit, um im Leistungssport bestehen zu können, zu einer der wesentlichen elterlichen Aufgaben. „Es ist ein Entwicklungsprozess“, bestätigt Gschwandtner, denn „in der Anfangszeit ist man alles andere als selbstständig, aber wenn man alleine zu den Wettkämpfen fährt, muss man sich auf sich selbst verlassen können und wissen, dass man es ohne den eigenen Trainer schafft.“ Am Anfang sei es natürlich komisch für sie gewesen, ohne ihren Vater unterwegs zu sein, aber anderen Trainern zu vertrauen fiel ihr trotzdem nicht schwer, denn diese hatten oftmals von außen noch einmal einen ganz neuen Blickwinkel. Selbstvertrauen gab ihr zudem ihr erster Weltcup-Einsatz in Changwon (KOR) 2015, als sie gleich mit Bronze dekoriert nach Hause kam: „Dadurch, dass das gleich so ein Riesenerfolg war, hat mich das darin bestärkt, dass ich es auch alleine schaffe und nicht immer jemanden hinter mir brauche, der mir zusieht. Ich weiß, dass ich das, was wir erarbeitet haben, selbst super umsetzen kann.“

Während Gschwandtner früher mindestens dreimal pro Woche mit ihrem Vater trainiert hat, ist dies heute nur noch bei Bedarf der Fall. Sie sei selbstständig geworden, wisse aber immer, dass sie zu Hause anrufen kann, wenn sie Rat brauche. Inzwischen lebt die Studentin ca. eine Stunde entfernt von ihrem Elternhaus und auch dadurch habe sich die gemeinsame Trainingszeit reduziert. Aber früher wie heute gibt es Regeln zwischen den Eltern und ihr, vor allem, was die Wettkämpfe anbelangt: „Meine Mama wollte ich nie bei Wettkämpfen dabei haben. Das war sie auch nie, denn sie ist nervöser als ich bei wichtigen Wettkämpfen, und das brauche ich nicht. Sie war auch bei der letzten Olympiaausscheidung damals beim Weltcup in München nicht dabei, aber sie stand eine Stunde später auf der Anlage, nachdem sie erfahren hatte, dass ich es geschafft habe. Sie hat selbst zugegeben, dass sie es nicht gepackt hätte, mir zuzusehen, aber genauso wenig hätte ich es gewollt, dass sie mir zusieht. Das ist immer akzeptiert worden, aber es ist wichtig, das vorher zu klären.“ Bei ihrem Papa war das anders. Er habe bereits Wochen vorher gefragt, ob sie ihn dabei haben wolle und auch wenn sie einmal „Nein“ gesagt habe, dann habe er dies immer akzeptiert. Verständnis, Mitgefühl sowie gegenseitige Akzeptanz führen nicht nur zu einer engen Bindung, sondern beeinflussen vor allem den emotionalen und informationellen Bereich positiv. Eltern wissen meist, welche Worte wirken und angemessen sind und wann man den Sprössling besser in Ruhe lässt. Dieses erhöhte Maß an Vertrauen erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Athleten, Trainern und Verbänden maßgeblich, aber es braucht eben Regeln. Denn auch wenn Athleten es meist als positiv ansehen, wenn sie wissen, dass ihnen in schwierigen Wettkampfphasen mit ihrem Elternteil eine nahestehende Bezugsperson zur Seite steht, ist das eben auch nicht immer so.

Allerdings kann durch die enge Verbindung von Eltern und Athleten Druck aufgebaut werden, der negative emotionale Reaktionen zur Folge hat sowie eine erhöhte Erwartungshaltung genauso wie mangelndes Verständnis und Einfühlungsvermögen, Kritik bei Fehlern sowie unfaires Verhalten. Diesen Erwartungsdruck habe auch Gschwandtner gespürt, aber weniger von ihren Eltern als von sich selbst: „Ich wollte niemanden enttäuschen.“ Druck, etwas erreichen zu müssen, habe sie allerdings nie von ihnen verspürt, auch wenn das gerade bei Eltern, die vorher bereits selbst im Leistungssport aktiv waren, durchaus häufig zu erkennen ist, da die Eltern sich oft mithilfe ihrer Kinder selbst verwirklichen möchten und durch sie ihre unerreichten Ziele erlangen möchten. Nicht unüblich, dass sich dadurch ein Interessenskonflikt zwischen Athlet und Trainer bzw. Eltern entwickelt, doch im Schießsport scheint dieser Druck vor allem durch das sportliche Umfeld und weniger durch die Eltern zu entstehen. Die hohen Erwartungen der Eltern können also nicht nur zu einem frühen Beginn der leistungssportlichen Aktivität führen, sondern auch zu einem „Drop-Out“. Allerdings gehen oftmals emotionale Sanktionen wie gemeinsame Zeit, Zuwendung oder Lob auf emotionaler Ebene einher, die mit einem Karriereende verbunden sind. Trotzdem wird die Vorbildfunktion der Eltern als positiv wahrgenommen. „Ich glaube, man kann sich in einer solchen Zeit gar nicht so von außen pushen lassen, wenn man es selbst nicht 100 Prozent will“, so Gschwandtner, die in ihrer Juniorenzeit mit Gold bei der EM 2013 auftrumpfte und bereit zwei Jahre später das Weltcup-Finale der Erwachsenen in München gewann und damit endgültig in der Weltspitze ankam.

Ob sie es am Ende auch ohne ihren Papa so weit geschafft habe? „Vielleicht ja, aber nicht in so kurzer Zeit“, resümiert Gschwandtner, die aber auch noch einen Tipp an alle Trainer-Eltern hat: „Mein Rat ist es, in der Anfangszeit nicht zu viel auf einmal zu wollen, denn nicht jedes Kind entwickelt sich im eigenen Tempo.“ Dabei sei es ihr auch ein Anliegen, auch diejenigen zu fördern, denen vielleicht das Quäntchen Talent abgehe, um es ganz nach oben schaffen, aber es sei trotzdem „genauso viel Wert und sollte genauso unterstützt werden“. Wichtig für Gschwandtner ist: „Man sollte die Unterstützung nicht vom Erfolg des Kindes abhängig machen.“ Und allen Kindern wolle sie mit einem lachenden Auge Folgendes mit auf den Weg geben: „Man braucht Geduld – vor allem mit den Eltern.“

Quellen:

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Daugs, R., Emrich, E., & Igel, C. (1997). Kinder und Jugendliche im Leistungssport: Auswertung des Symposiums "KinderLeistungen" vom 7. bis 10. November 1996 - Teil 1, 5, 46–49.Horak, Penz & Peyker 2015

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Pribitzer, M. (2020). Die duale Rolle von Eltern als TrainerInnen im Spitzensport am Beispiel Sportschießen (unveröffentlichte Bachelorarbeit). Privatuniversität Seeburg.

Weber, U. (2003). Familie und Leistungssport. Schorndorf: Hofmann.

Weiss, M. R., & Fretwell, S. D. (2005). The parent-coach/child-athlete relationship in youth sport: cordial, contentious, or conundrum? Research quarterly for exercise and sport, 76(3), 286–305.

Würth, S. (2001). Die Rolle der Eltern im sportlichen Entwicklungsprozess von Kindern und Jugendlichen (1st ed.). Angewandte Psychologie: Vol. 14. Lengerich: Pabst.

Weiterführende Links