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DSB Themenwoche: Willenskraft - Wo ein Wille, da ein Weg?!

10.05.2021 08:47

„Ich hatte keine Zeit“, „Ich hatte keine Ünterstützung“, „Ich hatte nicht das Geld“ – Ausreden, die wohl jeder schon einmal verwendet oder gehört hat. Doch was hier wirklich gefehlt hat, war weder Zeit noch Geld, sondern vielmehr der Wille. Die Frage ist daher weniger „Kannst du?“, sondern „Willst du? Oder willst du nicht?“ Eine Frage, die im Sport oder auch im Leben über Erfolg oder Misserfolg entscheiden kann.

 

 

Bild: Eckhard Frerichs / Wer im Sport Erfolge feiern will, dessen Gundlage sind ein Ziel vor Augen und eine ausgeprägte Willenskraft.
Bild: Eckhard Frerichs / Wer im Sport Erfolge feiern will, dessen Gundlage sind ein Ziel vor Augen und eine ausgeprägte Willenskraft.

Wer kennt sie nicht, die guten Vorsätze am Anfang des Jahres: Öfter ins Training gehen, mehr Ausgleichssport machen, gesünder ernähren. Doch oftmals ist die Motivation, das heißt, die Bereitschaft, Ziele zu verfolgen, viel größer als der Wille, also die Kraft, die Absichten in die Tat umsetzt. Die Herausforderung: Motiviert sein, strengt nicht an, Willenskraft einzusetzen schon! Denn das Gehirn lenkt gerne in Richtung Anstrengungsvermeidung und Bedürfnisbefriedigung, um Energie zu sparen. Also, eher Richtung Couch als in Richtung Laufschuhe. Die Ursache liegt in der Evolution, denn bereits bei unseren Vorfahren lautete die Maxime: Energie sparen und Lust maximieren. Bis heute hat es sich in der Gehirnausstattung der Menschen gehalten. Doch um in einer Gruppe zu überleben, mussten unsere Vorfahren ihre Impulse kontrollieren. Die Geburtsstunde der Willenskraft.

Was ist Willenskraft?

Als Willenskraft bezeichnet man heute eine psychische Energie, die notwendig ist, um Unlustgefühle, Ablenkungen oder andere Hindernisse auf dem Weg zur Zielerreichung zu überwinden. Sie beschreibt den Prozess der Bildung, Aufrechterhaltung und Umsetzung von Absichten. Und genau diese Willenskraft ist vor allem bei herausragend erfolgreichen Menschen wie z.B. Boxlegende Wladimir Klitschko zu beobachten: „Im Laufe meiner Karriere bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass Willenskraft die stärkste Kraft im Leben ist.“ Es ist eine Mischung aus Geduld, Entschlossenheit, Disziplin, Ausdauer, Wertschätzung, Konzentration, Enthusiasmus und Neugier, die diese schier unaufhaltbaren Menschen auszeichnet. Sie sind anfangs nicht unbedingt talentierter als andere, sondern arbeiten viel mehr als andere. Rund 10.000 Stunden Übung benötigt es, um herausragende Fähigkeiten zu entwickeln. Dafür braucht es Willenskraft, kein Talent.

Wie hängen Willenskraft und Ziele zusammen?

Die Voraussetzung dafür ist, ein Ziel vor Augen zu haben. „Willenskraft ist meiner Erfahrung nach die wahre Schlüsselfähigkeit, um Ziele erfolgreich in die Tat umzusetzen“, so Klitschko, der inzwischen mit F.A.C.E ein eigenes Programm entwickelt hat, um seine eigene Willenskraft zu entdecken. Focus (Konzentration), Agility (Beweglichkeit), Coordination (Koordination) und Endurance (Ausdauer) sind seine vier wichtigen Komponenten für die Stärkung der Willenskraft (FACE-Methode). Phase eins beschäftigt sich vor allem damit, was man erreichen will. Es gilt, sein Ziel zu fokussieren. Da die Willenskraft vielmehr als Ressource, statt einer trainierbaren Fähigkeit, gilt, ist es wichtig, sie klug einzusetzen. Wird die Willenskraft auf viele kleine Ziele aufgeteilt, ist sie für jedes einzelne zu schwach. Besser ist es, die Willenskraft zu bündeln und sie voll auf ein Ziel auszurichten. Ziel x Willenskraft = Erfolg, lautet also die Zauberformel. 

Willenskraft ist meiner Erfahrung nach die wahre Schlüsselfähigkeit, um Ziele erfolgreich in die Tat umzusetzen.

Dr. Wladimir Klitschko in seinem Buch F.A.C.E.

Willenskraft als unsichtbares Fundament der Leistungsfähigkeit

Studien belegen: Willenskraft hat einen größeren Einfluss auf den beruflichen und privaten Erfolg als Intelligenz. Menschen, die ihre Willenskraft klug nutzen, leben glücklicher und gesünder. Willensstarke Menschen sind erfolgreicher. Sie erzielen auch mit begrenzten Mitteln und unter widrigen Umständen gute Leistungen, weil sie es schaffen, sich selbst zu überwinden, um eine Absicht in die Tat umzusetzen, und durchzuhalten, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Das zeigt z.B. Mischels berühmtes Marshmallow-Experiment: Vor den Kindern lag auf einem Tisch ein Marshmallow. Sie durften wählen, ob sie es sofort essen wollen oder lieber warten, um später zwei zu bekommen. Jahre später untersuchte Mischel die Probanden erneut und stellte fest, dass die Kinder, die damals ausharren konnten, nun auch deutlich erfolgreicher im Sport und Beruf sowie gesünder und zufriedener mit ihrem (Familien-)Leben waren. Warum wird die Willenskraft dennoch im Sport so wenig beachtet? Während Muskelkraft, Ausdauer und Koordination bei Sportlern messbar sind, ist das bei der Willenskraft schwierig. Willenskraft ist Gedankenkraft. Sie ist unsichtbar. Fokus, Disziplin, Ausdauer und Hartnäckigkeit sind nicht messbar. Trotzdem ist der Wille das unsichtbare Fundament der Leistungsfähigkeit, denn der Geist kontrolliert immer den Körper.

Gibt es zu viel Willenskraft?

Zurück zu den Zielen. Wer sein festes Ziel vor Augen hat, kann sich der zweiten Frage widmen: Wie macht man es? Es gilt, einen Plan zu erarbeiten, einen Weg aufzuzeichnen, der sowohl Hindernisse als auch Ablenkungen enthält. Sie sollten aus dem Weg geräumt werden, denn alles, was uns psychisch und körperlich belastet, schwächt unsere Willenskraft. Herauskommen sollte deshalb ein Plan mit einem gangbaren Weg, der uns überzeugt. Denn nur unsere Überzeugung, dass wir zu etwas fähig sind, entscheidet darüber, ob wir aufgeben oder weitermachen. Dabei kann es sogar auch ein „Zuviel an Willenskraft geben. Wird sich zu sehr auf ein Ziel fokussiert, kann Stress die Folge davon sein. Wer es nicht mehr schafft, mental und/oder emotional abzuschalten, schwächt sogar die eigene Willenskraft. Und noch eins: Wichtig ist, dass es sich um einen „guten Willen“ handelt. Denn ein starker Wille kann auch als Waffe benutzt werden. „Wer alles wagt, fürchtet nichts, und wessen Handlungen durch keine ethischen Bedenken, durch keinen Sinn für Liebe oder Mitgefühl beherrscht werden, kann einen unheilvollen Einfluss auf eine Gemeinschaft oder sogar eine ganze Nation haben“, beschreibt Psychoanalytiker Assagioli die Gefahr eines zu starken Willens mit unrechten Zielen. Deshalb sei es besonders wichtig, dass ein Wille gut sei, um auch erfüllend zu sein.

Klitschkos nächster Schritt lässt in das Umfeld blicken. Kopf und Bauchgefühl werden hier koordiniert, denn es muss ein Team zusammengestellt werden, dass eine ideale Umgebung schafft, um seine Ziele in die Tat umzusetzen und nicht nur zu wollen, sondern auch zu handeln! Nur so schafft man es bis zum letzten Punkt: Der Ausdauer. Hier zeigt sich die Selbstdisziplin. Willenskraft ist schließlich der Schlüssel, um den inneren Konflikt zwischen einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung und einer späteren Belohnung zu lösen. Wie kann man sicherstellen, dass man dranbleibt? Disziplin und Gewohnheiten können hier helfen, Energie und Zeit zu sparen. Denn Klitschko weiß auch: „Champion zu werden, ist etwas anderes, als ein Champion zu bleiben.“

Wie man dieses Umfeld zusammenstellt und wie Sportler ihre Willenskraft schulten, folgt im Laufe der Themenwoche „Willenskraft.“

Quellen:

Assagioli, R. (1982). Die Schulung des Willens. Methoden der Psychotherapie und der Selbsttherapie. Paderborn: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung.

Bischoff, C. (2018). Unaufhaltbar. Wie Du im Leben bekommst, was Du willst. Oberursel: Christian Bischoff LIFE GmbH.

Klitschko, W. & Kiel, T. (2020). F.A.C.E. - Entdecke die Willenskraft in dir. München: Ariston.

Ufer, M. (2021). Erfolgsfaktor Willenskraft. Zuletzt aufgerufen am 03. Mai 2021 unter https://www.running-magazin.com/ratgeber/mentaltraining-erfolgsfaktor-willenskraft/

Willmann, H.-G. (2015). Erfolg durch Willenskraft. Wie Sie mehr von dem erreichen, was Sie sich vornehmen. Offenbach: GABAL Verlag GmbH.

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