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Präsident mit klaren Vorstellungen

13.12.2010 16:15

Am 9. Dezember feierte DSB-Präsident Josef Ambacher seinen 70. Geburtstag. Seit 1994, also nun seit 16 Jahren, steht er dem viertgrößten deutschen Spitzensportverband vor.

 

„Josef Ambacher, Jahrgang 1940, eine beeindruckende Persönlichkeit“. Auch wenn viele seiner Freunde, Weggefährten und Schützenkameraden dies so unterschreiben könnten, für eine Charakterisierung reicht ein solch kurzer Steckbrief bei weitem nicht. Im Gegenteil: Geht man ins Detail, hört nach, was über ihn in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten alles geschrieben und gesagt wurde, merkt man, wie nuanciert die Kommentare, Bemerkungen und vielleicht sogar Urteile über den Obersten aller deutschen Schützinnen und Schützen schon ausgefallen sind: Für die einen der „polternde Schützenfunktionär“, für die anderen eine zutiefst bayerische „Respektsperson“, ein Original. Oder kurz: Ein „g’standenes bayrisches Mannsbild“.

Für jemanden, der nur gering interessiert ist, mag auch das genügen. Die Klischeevorstellungen vom Schützenwesen sind für jene erfüllt. Bayerisch, ja, das passt, in Grün, wie bei den Schützenfesten der Vereine, mit Hut und Kette, von kräftiger Statur, männlich sowieso, so sieht der Schütze an sich im Bild der Allgemeinheit aus. Josef Ambacher ist in dieser Hinsicht also ein hervorragender oberster Repräsentant der deutschen Schützen. Schade hingegen ist, dass für viele das Interesse damit aufhört, weil sie meinen, schon alles gehört zu haben, weil es sich ja deckt mit dem vermeintlich so simplen Klischee, das sie vom Sportschießen haben, weil sie glauben, das wäre alles Wichtige. Wenn man jedoch tiefer bohrt, dann sieht man das Erstaunen in den Gesichtern, die wachsende Anerkennung für das, was die Schützen auszeichnet und was Josef Ambacher vor allem darstellt – nur eben nicht so offensichtlich wie im äußeren Erscheinungsbild.

Jede Begegnung mit ihm wird von seiner unverwüstlichen Aura geprägt. Jede Begegnung hat ihre ganz persönliche Note. Er ist ein geschickter Verhandlungspartner, charmant aber zielstrebig immer für die Sache engagiert. An seiner Seite unterwegs, gibt es viele spannende Momente. Im Bundesinnenministerium zum Beispiel, Josef Ambacher sitzt Otto Schily gegenüber, dem damaligen Minister. Zwei Männer, die von ihrer Biographie her unterschiedlicher nicht sein könnten – der eine, Ambacher, im bürgerlich-konservativen Umfeld aufgewachsen und diese Werte verkörpernd, der andere, Schily, am äußeren linken politischen Spektrum beheimatet, der für viele in den 1970er-Jahren sogar ein Feindbild war, als er als Advokat der Bader-Meinhof-Gruppe bekannt wurde. Diese beiden Männer saßen sich also gegenüber und, man höre und staune, sie kamen bestens miteinander zurecht. Gegensätze scheinen sich tatsächlich anzuziehen. Sie scherzten im Small-Talk. Sie diskutierten ernsthaft und tiefgründig über das Waffenrecht und die Folgen, die der Amoklauf von Erfurt in der aufgeheizten Medienöffentlichkeit haben würde. Und: Sie waren zu jeder Zeit aufrichtige Verhandlungspartner.

Das waren zwei Männer, nahezu gleichalt, die Klartext miteinander sprachen, die darüber hinaus aber immer einen respektvollen und freundlichen, wenn nicht sogar freundschaftlichen Umgang pflegten. „Ich hätte es nie gedacht“, sagte Josef Ambacher einmal selbst etwas verwundert, „aber mit Otto Schily bin ich hervorragend klar gekommen.“

Wenn man Freunden diese Geschichte erzählt, wächst der Respekt vor den Schützen. Wenn ansonsten hohe Sportfunktionäre aus den Fachverbänden in Kontakt mit der Berliner Politikerelite kommen, was selten genug ist, geht es in der Regel um die ureigenen Bedürfnisse des Sports, zumeist um Geld. Die Schützen dagegen sprechen mit, wenn es um aktuelle Politik geht. Und es ist das unzweifelhafte Verdienst Ambachers, beim Waffenrecht auf Kooperation statt auf Konfrontation zur Politik zu setzen. Josef Ambacher braucht bei Meinungsverschiedenheiten keinen Schlichter wie bei „Stuttgart 21“. Ihm persönlich nötigen auch politische Gegner Respekt ab, akzeptiert als Gesprächspartner ist er auf allen Seiten. „Er ist ein Rabauke, aber falsch war er nie“, zitierte die „Süddeutsche Zeitung“ in einem Porträt über Ambacher den damaligen Referenten für Waffenrecht im BMI, Jürgen Brennecke, ein erklärter Befürworter aller Verschärfungen. So wundert es auch nicht, dass Ambacher Freunde in allen Parteien hat, von den Grünen bis zur CSU. Ein Parteimitglied war er hingegen nie, obgleich viele Spitzenpolitiker Mitglieder in Schützenvereinen sind, wie Ambacher nie müde wird zu betonen.

Doch für ihn ist nicht dieser persönliche Respekt entscheidend. Wenn er kämpft, dann um die Sache. Weil er von ihr überzeugt ist. Er kämpft für das Schützenwesen. Er hat es mit seiner strategischen Linie geschafft, dass die Verschärfungen des Waffenrechts nach Erfurt mit Augenmaß ausfielen.
Damit konnten sein Verband und die Mitglieder leben. Es ist hypothetisch zu sagen, dass die politischen Entscheidungen mit einer Konfrontationslinie, wie sie Schützenrepräsentanten aus anderen Verbänden lautstark forderten, härtere waffenrechtliche Einschnitte für das Schützenwesen nach sich gezogen hätten. Viele Anzeichen deuten jedenfalls darauf hin. Ambacher hat das mit seiner Klarheit und Beharrlichkeit zu verhindern gewusst.

Auch wenn viele Schützen über jeden noch so kleinen Einschnitt ihrer Rechte als Waffenbesitzer schimpfen und das Zustandekommen ihrer Verbandsführung mit den typischen Worten „Die tun ja nichts“ anlasten – Ambacher hat zusammen mit seinem Vizepräsidenten Jürgen Kohlheim sehr viel für die Schützen getan, selbst für jene, die nicht dem DSB angehören.

Das Thema Waffenrecht hat Ambacher erfasst wie keinen Schützenpräsidenten vor ihm. Das letzte Mal war das Thema wirklich präsent bei der Wiedergründung des Deutschen Schützenbundes 1951 – damals mussten die Allierten zustimmen, dass Waffen wieder in Vereins- und Privatbesitz gelangen. Ambacher traf es wie ein Blitz aus heiterem Himmel 2002, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. In Suhl beging der DSB gerade seinen Deutschen Schützentag, im Bundestag wurde das mühsam ausgehandelte Waffengesetz verabschiedet, es beinhaltete die in langen und schwierigen Verhandlungen erreichte Reduktion des Einstiegsalters für das Schießen von Kindern mit Luftdruckwaffen von zwölf auf zehn Jahre. Da drang die Nachricht vom Amoklauf im nur 50 Kilometer von Suhl entfernten Erfurt durch.

Fassungslosigkeit und Trauer prägten die Atmosphäre unter den Schützen. Ambacher musste handeln. Ganz Schütze, sperrte er sich zunächst gegen jeden spontanen Aktionismus, er wollte sorgsam abwägen, nicht die falschen Zeichen setzen. Mit dem für ihn schmerzhaftem Abbruch des Schützentages und der Teilnahme an der Erfurter Trauerfeier in der Hitze der aufgeregten öffentlichen Diskussion traf er wegweisende Entscheidungen, demonstrierte deutlich, dass die Schützen fest an der Seite des Staates stehen, dass sie mit den Angehörigen der Opfer mitleiden, dass sie nicht feiern wollen und können, während andere weinen. Dieses klare Zeichen ist von weiten Teilen der Politik verstanden worden, das hat sich in den Jahren danach mehrfach gezeigt.

Waffenrecht, das ist in den letzten Jahren zu einem Schwerpunkt seiner Tätigkeit geworden. Alles ehrenamtlich, doch deshalb nicht weniger Vollzeit. Aber das war bei weitem nicht alles. Unter Ambachers Präsidentenzeit fielen die Einführung der Bundesliga, nach wie vor im Schießsport weltweit einmalig und doch durch Weltklasseschützen rund um den Globus anerkannt, die schrittweise Renovierung und schließlich der Kauf der Olympiaschießanlage in München-Hochbrück durch den Bayerischen Sportschützenbund – die für den gesamten deutschen Schießsport enorm bedeutenden Maßnahmen ent-schied er in Personalunion auch als dessen Erster Landesschützenmeister – die Renovierung des Schießstandes Rheinblick über Wiesbaden, die Ausrichtung zweier extrem erfolgreicher Heim-Weltmeisterschaften, Bogen 2007 in Leipzig und Sportschießen im Sommer dieses Jahres in München-Hochbrück, die Entscheidungen für die grundlegende Renovierung des Bundesleistungszentrums am Sitz der Wiesbadener Bundesgeschäftsstelle – dafür hat er gemeinsam mit den Landesverbänden die nötigen Mittel aufgebracht und so die Grundmauern praktisch schon hochgezogen, die weiteren Beschlüsse stehen in den nächsten Monaten und Jahren an – , die Gründung Stiftung Deutscher Schützenbund, dafür ging er bei Versammlungen schon mal mit dem Hut durch die Reihen, mit dem Startschuss der 500.000-Mark-Spende der Gothaer Versicherung und darauf fußend der Gründung des inzwischen auch über die Schützenfamilie hinaus stark beachteten Deutschen Schützenmuseums auf Schloss Callenberg bei Coburg, die Erfolge der Sportler bei mittlerweile vier Olympischen Spielen unter seiner Führung, schließlich die Sanierung der Finanzen des DSB, der zu Beginn seiner Amtszeit stark verschuldet war, jetzt aber keine Kredite mehr bedienen muss und inzwischen Rücklagen bilden kann. Letzteres lag dem früheren Banker besonders am Herzen.

Josef Ambacher ist ein Mann mit klaren Vorstellungen. Mit seiner tiefen, fast brummigen Stimme und seiner Statur personifiziert er geradezu das, was man gemeinhin als „natürliche Autorität“ bezeichnet. Viele Ideen sprudeln aus Ambacher hervor, der im Sport und im Sternzeichen ein echter Schütze ist, Ideen, die er filtert, um sich auf die wirklichen wichtigen Dinge zu konzentrieren und sie umzusetzen. Widerspruch duldet er, aber er muss schon sehr fundiert begründet sein, um ihn von seiner Meinung abzubringen. Dampfplauderei ist sein Ding nicht, wer das im falschen Moment anwendet, wer Fehler macht, bekommt das auch zu hören. Manchmal auch in aufbrausender Form.

Aber danach, dann ist es heraus. So schnell, wie sein Zorn heranfliegt, so schnell verraucht er auch wie-der. Damit ist die Geschichte vergessen. Ein Nachkarten ist ihm fremd, und „hinten herum“ kennt der passionierte Jäger nicht. Er ist klar, direkt, ehrlich und verlässlich bis in die Haarspitzen, für Freunde und Gegner im Disput, eine wirkliche Führungspersönlichkeit. Josef Ambacher kommt stets durch die Vordertür, verbal, körperlich, gedanklich. Ein echtes „g’standenes bayrisches Mannsbild“ eben.

Beitrag: Harald Strier