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„Sportschießen lebt vom perfekten Zusammenspiel von Sportgerät, Munition und Athlet"

25.05.2012 10:48

In dieser Woche treffen sich die weltbesten Sportschützinnen und Sportschützen in den Gewehr- und Pistolendisziplinen beim Weltcup in München, um eine letzte Standortbestimmung vor den Olympischen Spielen in London vorzunehmen. 21 Athletinnen und Athleten des Deutschen Schützenbundes gehen auf der Olympia-Schießanlage Garching-Hochbrück im Münchner Norden an den Start - unter ihnen auch Jahrhundert-Schütze Ralf Schumann (Foto) in der Disziplin Schnellfeuerpistole, die heute Nachmittag in ihre Entscheidung geht.

 

„Ralf Schumann, nach drei olympischen Goldmedaillen, zwei Mal Silber und dutzenden WM-, EM- und Weltcup-Siegen - darunter viele Male hier auf der Olympia-Schießanlage - darf die Frage erlaubt sein: Wie motivieren Sie sich noch für weitere Wettkämpfe?“

„Die Motivation kommt sicherlich aus der Begeisterung für die Schnellfeuerpistole. Und wer mich kennt, weiß, dass mein Glaube ein großer Antrieb bei allem ist, was ich mache. Die Schnellfeuerpistole ist für alle Schützen eine riesige Herausforderung, das ist Technik pur: Die Pistole hat ein Abzugsgewicht von einem Kilogramm, getroffen werden muss die Zehn auf fünf Scheiben in 25 Meter Entfernung - und dafür haben Sie gerade einmal vier Sekunden Zeit. Was viele nicht wissen: Für Trainingsmaßnahmen und Wettkämpfe kommen bei mir pro Jahr gut 40.000 Schuss zusammen. Bei jedem einzelnen Schuss wird eine große Kraft frei, die eine perfekte Körperbeherrschung erfordert. Daher ist gerade die Kontrolle des Rückstoßes von enormer Bedeutung, um ins Schwarze zu treffen.

„Was bedeutet das genau?“

„Arme, Schulter und Gelenke werden beansprucht, das macht ein umfangreiches Krafttraining nötig. Und würde man während des Schießens seine Position nur um wenige Millimeter verändern, wäre das Projektil vermutlich gar nicht mehr auf der Scheibe. Dazu kommen Licht- und teilweise auch Witterungseinflüsse, auf die man sich immer neu einstellen muss, manchmal variieren die Bedingungen sogar von Stand zu Stand. Eine solche geballte Kombination aus Anspannung, Kraft und Ausdauer gibt es nur in wenigen anderen Sportarten. Aber eines ist auch klar: Mir geht es um den Vorgang der Zielens, um die enorme Konzentration beim Schießen mit einem anspruchsvollen Sportgerät.“

„Wie sehen Sie als erfolgreicher Schütze und seit kurzem auch Diplom-Trainer der Trainerakademie Köln die Zukunft des Schießsports in Deutschland?“

„Der Schießsport steht sicherlich vor großen Herausforderungen in Deutschland, keine Frage. Seit 1896 ist das Schießen Bestandteil der Olympischen Spiele, das sollte niemand vergessen. Da ist es doch gerade eine Verpflichtung, diesen Sport fit für die Zukunft zu machen. In den 15.000 Vereinen wird eine beein-druckende Jugendarbeit geleistet, das sage ich nicht zuletzt als Trainer im Thüringer Schützenbund. Die Nachwuchsarbeit nimmt breiten Raum ein, das Lichtschießen erleichtert den Einstieg ins Sportschießen im Jugendbereich. Zugleich sind die Schützenvereine eine feste, gesellschaftliche Größe vor Ort. Das muss weiter vorangetrieben werden, um neue Talente für den Schießsport und seine vielen spannenden Disziplinen zu begeistern und dessen einzigartige Vielfalt zu erhalten.“

„Bezogen auf Ihre Disziplin heißt das...?“

„Trotz aller Forderungen nach neuen Konzepten sage ich auch: Bewährtes darf nicht vorschnell über Bord geworfen werden. Nicht nur meine Disziplin - die Schnellfeuerpistole - lebt gerade vom perfekten Zusammenspiel von Sportgerät, Munition und Athlet. Und dazu ist gerade die Verwendung eines beeinflussbaren Geschosses unabdingbar. Denn das ist es, was den Schießsport ausmacht: Unterschiedliche Lichtbedingungen, Wind- und Wettereinflüsse, verschiedene Entfernungen und die komplizierte Ballistik in Einklang zu bringen - das ist die Herausforderung an diesem anspruchsvollen Sport. Allein mit dem Lichtschießen wären wesentliche Merkmale nicht mehr vorhanden. Ich sehe keine echten Alternativen zu den Hightech-Sportgeräten, mit denen wir schießen - zudem sind wir natürlich auch abhängig von den sportlichen Entscheidungen des Weltschießsportverbandes ISSF. Übrigens können wir natürlich auch nur so die Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich sichern. Die beeindruckende Medaillenbilanz der deutschen Schützinnen und Schützen für Deutschland soll schließlich fortgeführt werden.“

„Der Deutsche Schützenbund plant zusammen mit seinen 20 Landesverbänden am 6. und 7. Oktober ein "Wochenende der Schützenvereine". Was halten Sie als Leistungssportler davon?“

„Das ist eine großartige Gelegenheit, den Schieß- und Bogensport einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren! Ich bin mir sicher, dass viele Vereine auch das Olympische Schnellfeuerschießen vorstellen und erläutern werden - dann kann sich jeder selbst einen Eindruck machen. Ich werde auf jeden Fall dabei sein.“