Weltmeisterschaften

WM in Changwon: Die Spezialisten

30.08.2018 16:12

Julia Simon (SG Eichenlaub Saltendorf) und Julian Justus (SGi Homberg/Ohm) fliegen als Luftgewehr-Spezialisten zur Weltmeisterschaft nach Changwon/Korea (31. August bis 15. September). Zwei unterschiedliche Wege – ein gemeinsames Ziel.

Eine Zehn flimmert auf dem Bildschirm auf. Julia Simon streckt ihren Zeigefinger in die Höhe. Ein strahlendes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Die 27-Jährige hat es allen gezeigt, sie hat die Nerven bei der Generalprobe behalten. Hinter ihr applaudiert das Publikum und feiert die neue Deutsche Meisterin im Luftgewehr. Doch ihr Erfolg in München ist bereits Vergangenheit, der Fokus klar auf das nächste Großevent gerichtet: die Weltmeisterschaft der Sportschützen in Changwon. Dort wird die junge Apothekerin aus Maxhütte-Haidhof als Luftgewehr-Spezialistin für Deutschland an den Start gehen – gemeinsam mit Julian Justus. Der Homburger qualifizierte sich wie Simon mit dem Luftgewehr für die Weltmeisterschaft in Südkorea, gewann in diesem Jahr bereits einen Weltcup in den USA und zeigt sich mit 628,4 Ringen im Vorkampf der Deutschen Meisterschaft in Top-Form. Was beide gemeinsam haben? Sie sind die Spezialisten im Team, konzentrieren sich einzig auf ihre Paradedisziplin Luftgewehr.

„Die interne Qualifikation ist mental härter als Olympia selbst“

„Das war nicht immer so“, erzählt Justus, denn seine ersten Erfolge erzielte er mit dem Kleinkaliber. Überhaupt sei er ein Späteinsteiger, kam erst mit 14 Jahren über Ferienspiele zum Schützenverein im Ort und arbeitete sich Schritt für Schritt an die Spitze. Wenn er auf seine beiden Olympiateilnahmen (London und Rio) zurückblickt, macht es den sonst so bescheidenen Justus schon ein bisschen stolz – eine dritte soll folgen, dann in zwei Jahren in Tokio. Aber Justus ist eines bewusst: „Die interne Olympia-Qualifikation ist mental härter als Olympia selbst.“ Auch Julia Simon hat sicher schon von Olympia geträumt. So nah dran wie jetzt, war sie jedoch noch nie. Leicht war der Weg dorthin nicht. Simon fiel aus dem Nationalkader, kämpfte sich erst im letzten Jahr wieder zurück in die Riege der Besten – nun ist sie stärker denn je. Ihr unbändiger Wille hat sie dorthin zurückgebracht. „Die Neue“ und „Unerfahrene“, wie sie sich selbst bezeichnet, qualifizierte sich daraufhin für die Europameisterschaft, schoss ihre ersten beiden Weltcups und sicherte sich nun souverän als Erste der internen Qualifikation das WM-Ticket. Es ist ein Jahr, in dem die ehrgeizige Schützin versucht hat, alles von den „Erfahrenen“ aufzusaugen, von ihnen zu lernen, um in ihre Fußstapfen zu treten. Vorbilder hat Simon zwar keine, aber „mich  fasziniert jeder einzelne Sportler, der von seinen Träumen getrieben wird, hart für seine Leistungen trainiert und oft in anderen Lebensbereichen zurückstecken muss.“

Ein Ritt auf des Messers Schneide

Zurückstecken muss auch Simon, denn sie hat eine ganz normale 40-Stunden-Woche, trainiert mehrmals die Woche abends nach der Arbeit und am Wochenende. Ohne die Unterstützung ihrer Familie wäre das nicht möglich. „Für sie bin ich die Nummer Eins, ganz egal, was auf der Scheibe vorne ankommt. Dieses Gefühl gibt mir Sicherheit“, so Simon. Sollte es einmal nicht so laufen, helfen ihr immer noch Schokolade, eine Runde Joggen und ein Gespräch mit ihrem Freund. Auch für Justus ist sein privates Umfeld von großer Bedeutung. Gerne erinnert er sich an den Moment, als er mit Freunden nach der Olympia-Qualifikation beim Kaffee saß und realisierte: „Ich bin dabei.“ Sie bringen ihn dazu, seinen Sport aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und seinem Ziel, einer Olympiamedaille, einen Schritt näher zu kommen. Auf dem Weg dorthin spielt für ihn vor allem der Kopf eine zentrale Rolle. „Im Schießsport ist die mentale Ebene die Bestimmende und es fühlt sich manchmal an, wie ein Ritt auf des Messers Schneide“, erklärt Justus. Zwischen zu unmotiviert und übermotiviert liegt oft ein schmaler Grat. Wie so oft liege - laut Justus - der goldene Weg in der Mitte. So, wie die Zehn. Diese soll in Changwon möglichst oft und gut getroffen werden. Es gilt sie bereits im Vorhinein zu visualisieren. Schuss für Schuss. Zehn um Zehn. Zig Mal gehen die Schützen ihre Abläufe durch – egal, ob in der Mittagspause oder auf der Couch – jede freie Minute wird genutzt, um die mentale Fitness zu trainieren. Dabei stellt sich Julia Simon häufig Situationen vor, die ihren „Puls zum Rasen bringen“. Denn schließlich soll bei der Weltmeisterschaft nichts dem Zufall überlassen werden.

Was beide am Schießsport fasziniert

Wer nun denkt, für die junge Apothekerin sei es Stress, alles unter einen Hut zu bringen, hat falsch gedacht. Für sie ist es „der größte Ausgleich, den ich zur Arbeit finden konnte“. Wenn man in Simons Gesicht blickt, merkt man ihr ihre Begeisterungsfähigkeit an. Sie ist eine, die für diesen Sport brennt. Eine, die fasziniert davon ist, Körper und Geist in Grenzsituationen so zusammen zu halten, um „Eins“ mit ihrem Sportgerät zu werden und alles andere um sich herum zu vergessen. „Die Präzision, das Zusammenspiel von Mensch und Material und die mentale Konfrontation mit deinen Ängsten macht den Schießsport so einzigartig“, begründet Justus seine Leidenschaft für den Sport. Durch ihn habe er gelernt, im Alltag Stress und Anspannung besser zu bewältigen. Diese Gelassenheit ist gleichzeitig sein Geheimrezept. Er ist einer derjenigen, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Zurücklehnen kommt für ihn dennoch nicht in Frage, denn wie sein Trainer William „Bill“ Murray einst zu ihm sagte: „Als Schütze ist man nie am Ziel angekommen. Man ist immer nur so gut, wie sein nächster Wettkampf.“
Wie gut er wirklich ist, wird sich in Changwon zeigen, wenn er am kommenden Sonntag, 2. September, mit seiner voraussichtlichen Mixed-Partnerin Julia Simon seinen nächsten Wettkampf bestreitet.