Weltmeisterschaften
WM Doha: Doppel-Interview mit zwei Weltmeistern
2023 bzw. 2025 waren sie ganz oben: Doreen Vennekamp (Sportpistole, Ronneburg) und Maximilian Dallinger (Luftgewehr, Freising) gewannen vor drei bzw. einem Jahr den WM-Titel. Grund genug kurz vor der WM in Doha/Katar (1.-14. November) nachzufragen, wie es damals war und ob sich der Titel ausgewirkt hat. Das Duo antwortete ausführlich und gab interessante Einblicke.

Wie ist eure Erinnerung an den WM-Titel im vergangenen Jahr in Kairo bzw. 2023 in Baku?
Dallinger: „Meine ist ja noch nicht ganz so lange her, von daher habe ich die Eckpunkte noch sehr detailliert in Erinnerung: Das gute Gefühl nach den ersten fünf Schuss und der Moment, wenn du nur noch zu viert vorne stehst. Dann stand fest, dass ich eine Medaille habe, und das ist so ein Moment, wo natürlich ein bisschen Druck abfällt. Es ist nicht nur der absolute Saisonhöhepunkt, sondern einfach ein Karrierehöhepunkt. Und du weißt, du kannst so ein schönes Teil zum Umhängen wieder mit Heim nehmen. Man ist schon sehr, sehr glücklich und dann fängt man aber trotzdem an zu denken, wie weit sind die anderen weg? Ich dachte, Lindgren (Victor, Schwede, Anm. d. Red.) hole ich nicht mehr, weil der schon deutlich vorne war. Und gerade beim Luftgewehrfinale, wenn man da nicht komplett auslässt oder sich nicht die Blöße gibt, dann geht da nichts mehr. Silber gegen den Chinesen wollte ich auf jeden Fall verteidigen. Und dass das dann am Ende so knapp wurde und sich der Lindgren einen knappen Zehner und am Ende den Neuner geleistet hat, war mein Glück. Vielleicht habe ich durch das ganze Finale genügend Druck auf ihn ausgeübt, dass er das am Ende vielleicht keine Körner mehr gehabt hat. Und klar, der Moment, wenn es dann feststeht und sich die ganzen Emotionen entladen, was sich die letzten Jahre oder Monate vielleicht so ein bisschen aufgestaut hat. Das sind unglaublich schöne Erinnerungen, an die ich immer wieder gerne zurückdenke.“
Vennekamp: „Ja, so langsam verblasst es natürlich schon. Aber es ist immer noch eine meiner liebsten Schießsport-Erinnerungen und etwas, woran man sich gerne erinnert, um sich neu zu motivieren, wenn man mal eine Phase hat, wo es einfach nicht ganz so gut läuft.“
Wie hat sich der WM-Titel auf euch ausgewirkt? Vor allem sportlich, beispielsweise durch ein gesteigertes Selbstbewusstsein?
Dallinger: „Ich würde sagen, ein gewisses gesteigertes Selbstbewusstsein auf jeden Fall. Ich würde nicht sagen, dass mich das sportlich in meiner Persönlichkeit groß verändert hat. Zumindest fände ich es schade, wenn es das gemacht hätte oder ich mich charakterlich verändert hätte. Ich glaube, dafür bin ich bodenständig genug. Von daher hat es jetzt in meiner Herangehensweise an die Trainings für die nächsten Jahre nicht viel verändert. Was ich aber schon gemerkt habe, war, dass Finals für mich immer ein recht großer Stressfaktor waren, und ich hatte immer die Befürchtung, dass Finals nicht so gut werden, weil die Auswirkungen von Druck oder Puls auf meinen Körper oder Anschlag speziell im Luftgewehr schon immer recht groß waren. Deswegen habe ich also ein bisschen Bammel gehabt vor dem WM-Finale. Und dort hat es einfach gut funktioniert, was ich mit Sicherheit ein bisschen aus der Bundesliga rausgezogen habe. Da habe ich einige Sachen probiert. Gerade wenn es immer auf die 400 Ringe zuging. Was kann ich machen, damit die letzten Schüsse noch besser stecken, obwohl der Druck steigt? Genau das hat einfach wunderbar funktioniert. Und so habe ich das jetzt für die Zukunft natürlich auch mitgenommen, dass ich einen gewissen Plan habe, wenn der Druck so enorm hoch ist. Dass es trotzdem funktioniert, unabhängig davon, wie man sich fühlt oder wie das Zielbild vielleicht ausschaut oder zumindest schlechter wirkt, als es tatsächlich ist. Und da nehme ich auf jeden Fall mit, dass ich trotzdem mein Zeug abrufen und mich darauf verlassen kann, dass die Arbeit, die ich davor geleistet habe, etwas wert war.“
Vennekamp: „Was kann man dazu sagen? Eigentlich nicht so viel. Ich habe das recht schnell von anderen Sportlern übernommen, weil man zunächst vermutet, dass dieser Titel einen jetzt irgendwie wahnsinnig viel weiterbringt. Ich glaube auch, dass er vielleicht etwas ändert in der Betrachtungsweise der anderen Sportler, dass diese einen anders betrachten. Aber man kann sich von diesem Titel nichts kaufen. Der bringt mir in keinem Finale ein Zehntel mehr, aber mehr Druck, weil alle anderen erwarten, dass du als Weltmeister jetzt bestimmt nochmal etwas holst. Und von daher habe ich seitdem gelernt, mit Druck oder mehr Druck umgehen zu müssen. Und das hat auch lange gedauert. Aber ich würde sagen, das war das meiste, was ich von diesem Titel hatte. Dass ich einfach etwas anderes lernen musste und mich dadurch weiterentwickelt habe.“
Hat euch die Konkurrenz danach anders gesehen/betrachtet?
Dallinger: „Ob mich die Konkurrenz jetzt anders sieht, weiß ich nicht. Ich war in der Vergangenheit nie jemand, der eine komplette Saison durch bei jedem Highlight vorne mit dabei war. Ich bin ein Sportler, der sich sehr auf ein oder auf wenige Events im Jahr gezielt sehr gut vorbereiten kann. Aber das heißt natürlich auch, dass ich vielleicht bei dem einen oder anderen Event nicht so auf dem Top-Level bin, was die Energie oder die Leistungsbereitschaft betrifft. Und das ist für mich vollkommen okay. Zumindest war das bei mir in der Vergangenheit so, mal schauen, ob sich das in Zukunft ein bisschen verändert oder entwickelt. Aber ob die anderen mich jetzt als ernster zu nehmenden Konkurrenten ansehen, das weiß ich nicht. Der Schießsport ist ja eine große Familie. Man kennt sich, man schätzt sich, man plaudert auch mal abseits vom Wettkampf oder kurz vorm Wettkampf, macht ein bisschen Scherze. Von daher hat sich da wenig geändert. Und das ist gut so!“
Vennekamp: „Ja, würde ich auf jeden Fall sagen. Es ist wirklich so, dass man irgendwie mehr auf dem Schirm ist - auch bei den Medien. Die Medien waren nach dem WM-Titel deutlich mehr interessiert an mir. Und die Texte wurden kritischer, wenn ich den Weltcup nicht sicher oder souverän gewonnen habe. Oder nur Silber. Dann dachte ich, naja, vor drei Monaten hätten sie geschrieben, super Silber.“

In eurer Karriere ging es nicht immer nur steil nach oben. Hilft der WM-Titel in einer schwierigen Phase, weil man weiß, dass das Potenzial da ist und auf der größten Bühne bereits zu Gold geführt hat?
Dallinger: „Ja, ich glaube schon, dass so ein WM-Titel durchaus das ein oder andere Tal ein bisschen leichter machen kann. Man hat es schon mal geschafft, man kennt den Weg zumindest so grob. Natürlich verändert sich der Weg immer wieder, aber man weiß so grob die Eckpfeiler, wie es, wie es laufen kann, wie man sich weiterentwickeln kann. Ich weiß nicht, wie es sich in Zukunft entwickelt, ob mir der WM-Titel aus den nächsten Löchern raushelfen kann oder nicht. Das wird sich zeigen. Letztlich will man solche Erfolgs-Momente immer wieder haben. Das hat Ähnlichkeit mit einer Droge oder mit einer gewissen Erfolgssucht, glaube ich. Es kommt so ein Hochgefühl nach so einem Erfolg. Und wenn man das einmal oder vielleicht sogar mehrfach erlebt hat, dann musst du das als Sportler immer wieder genießen.“
Vennekamp: „Ich glaube, es ist wichtig, dass man das lernt. Mir geht es dieses Jahr genauso. Es ist vieles nicht so gelaufen, wie ich wollte. Privat hat sich wahnsinnig viel geändert. Wir hatten einen Trauerfall in der Familie. Die Trainingszeiten passten nicht, dadurch auch die Leistung nicht. Und jetzt sind wir kurz vor der WM, und ich denke mir, ich bin noch gar nicht auf dem Niveau, das ich gerne hätte, um zufrieden mit mir zu sein. Und dann kommt dieses, was man gerne über die Sportpsychologie lernt, dieses „If you're in doubt, zoom out“ (frei übersetzt, dass man in schwierigen Situationen einen Schritt zurückgeht und das größere Ganze betrachtet, Anm. d. Red.). Ich bin dieses Jahr Europameisterin geworden. Das ist mir in so einem Zweifelmoment nicht bewusst. Aber dann muss man sich beibringen, in allen Lebenslagen, nicht nur im Sport, mal einen Schritt zurückzugehen, zu versuchen, den ganzen Weg zu betrachten und zu sehen, dass man schon ganz woanders war. Dieses Jahr ist auch nicht schlecht, nur weil ich mich gerade nicht gut fühle. Und das ist etwas, was man auf jeden Fall lernen muss. Aber wenn man dann natürlich so große Erfolge schon einmal hatte, sind die markanter und schneller einzuholen, als wenn man jetzt kleine Trainingsschritte sehen muss und sagen muss, okay, das habe ich gut gemacht, es geht weiter, die Treppe geht nach oben. Jeder Wettkampf ist wieder etwas Neues. Man kämpft bei jedem Wettkampf, ob das ein IWK ist, ein Weltcup oder eine Weltmeisterschaft, ob es eine interne Qualifikation ist oder die Deutsche Meisterschaft. Und natürlich möchte man gerne Titel sammeln, aber das kannst du nicht vorbestimmen. Die anderen haben ja auch noch ein Mitspracherecht und du kannst nur an dir selbst arbeiten, und die anderen bestimmen, welcher Platz es dann wird.“
Bei der WM in Doha seid ihr nicht die Top-Favoriten. Wie seht ihr eure Chancen?
Dallinger: „Ja mei, das Thema Favorit bei der WM. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt mittlerweile noch so klassische Favoriten gibt. Wenn man sich bei uns die Spitze anschaut, die ist wahnsinnig groß geworden. Wenn ich ein bisschen die Listen durchschauen würde, wären wir bestimmt 35 Kandidaten, die bei einer WM einen Stich setzen und sich fürs Finale qualifizieren können, zu denen zähle ich mich auch. Von daher würde ich gar nicht mal sagen, es gibt so diese klassischen Favoriten. Mit Sicherheit gibt es ein oder zwei Kandidaten aus Indien oder China, mit denen ich zu 75 Prozent im Finale rechne. Was dann passiert, steht wieder auf einem anderen Blatt Papier. In erster Linie geht es um den persönlichen Erfolg, um das Reinkommen und die Jagd auf die Quotenplätze. Natürlich wäre das cool, wenn man jetzt bei einer WM direkt den ersten holt. Aber nichtsdestotrotz das ist keine Sprint-Veranstaltung, das wird wieder ein Dauerlauf bis 2028. Mit Blick auf Doha: Ich fühle mich fit, bin gut vorbereitet. Ich wüsste nicht, was ich hätte anders machen sollen. Und von daher gehen wir mit Optimismus in die WM. Und dann schauen wir mal, was wird.“
Vennekamp: „Ich möchte mit meinen Wettkämpfen einfach mal wieder zufrieden sein. Ich möchte diesen Weg, den ich gerade gehe, bewusster gehen und erkennen, dass ich - auch wenn ich nicht Topfavoritin bin - eine sehr gute Schützin bin und dass ich mich mit meinen Ergebnissen wie früher wohlfühle. Ich war nie mit einem Wettkampf zu 100% zufrieden, auch wenn es 300 von 300 Ringen im Duell waren. Aber es hat sich so fremd angefühlt in letzter Zeit, als ob jemand danebensteht und die Hälfte vom Wettkampf schießt, und ich habe dann das Ergebnis entdeckt, das würde ich jetzt nicht alles auf mich schieben oder ich würde mir selber ein viel höheres Niveau wünschen oder auch erarbeitet haben. Von daher ist es aktuell wie ganz früher, noch vor dem WM-Titel: Ich will mit meiner Leistung zufrieden sein. Das kann man nicht vorbestimmen, die Ringzahl sagt nicht immer aus, was man gerade geleistet hat. Das wissen alle Schützen, aber man kann mit dem, wie man sich darauf vorbereitet hat und was man aus der Situation macht zufrieden sein. Und natürlich ist trotzdem Finaleinzug immer der Plan gewesen und ist es immer noch. Und im Finale kann alles passieren.“
