Tradition
75 Jahre Wiedergründung DSB: Der Hofer Schlappentag: Tradition, Schützenpflicht und gelebte Geschichte in Bayern
Die Schützentradition und das Brauchtum sind neben dem Sport ein fester und wichtiger Bestandteil der Schützenkultur im Deutschen Schützenbund, in den Landesschützenverbänden und ihren Untergliederungen. Schützentraditionen und Bräuche können dabei sehr unterschiedlich sein, wie die verschiedenen Beiträge des DSB und der Landesverbände zeigen, die das gesamte Jahr über zum 75-jährigen Jubiläum der DSB-Wiedergründung veröffentlicht werden. Dieses Mal ist der Bayerische Sportschützenbund an der Reihe, der über den „Schlappentag“ in Hof berichtet.

Eine Reihe von Schützen- und Volksfesten historischen Ursprungs prägen das Traditionsbild im fränkischen Raum. Einige von ihnen sind heutzutage stärker kommerzialisiert und haben den Schützengedanken in den Hintergrund treten lassen, während andere bis heute das historische Selbstverständnis der fränkischen Städte widerspiegeln, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit eigene Bürgerwehren zur Selbstverteidigung unterhielten.
Das Freischießen in Kronach (Ursprung im 16./17. Jahrhundert), das Vogelschießen in Coburg (ab ca. 1530) oder der Schlappentag in Hof (seit 1432) sind Beispiele für historisch bedeutende Schützenfeste mit Wurzeln in Bürgerwehr- und Reichsstadttradition. Diese drei Schützenfeste zählen zu den ältesten Volksfesten im fränkischen Raum. Das Coburger Vogelschießen weist heute neben dem historischen Bezug einen sehr starken Volksfestcharakter auf. Das Kronacher Freischießen und der Hofer Schlappentag sind bis heute regional stark verwurzelt und sind bürgerlich-militärisch geprägt.
Als ununterbrochene, früh datierte Tradition nimmt der Hofer Schlappentag eine besondere Position unter den zahlreichen fränkischen Schützenfesten ein. Er steht exemplarisch für die bürgerliche Wehrverfassung in frühneuzeitlichen Reichsstädten des Fränkischen Reichskreises und bleibt im Vergleich zu anderen Festen weniger kommerzialisiert und näher an der ursprünglichen Idee des Bürgersoldaten.

Von alten Pflichten zur lebendigen Festkultur: Der Hofer Schlappentag zählt zu den ältesten und zugleich farbenprächtigsten Schützenfesten in Deutschland. Tief verwurzelt in der Geschichte der bayerischen Stadt Hof (Saale), ist er bis heute ein bedeutendes Kulturerbe – seit 2019 sogar Teil des Immateriellen Kulturerbes Bayerns –, das nicht nur die Hofer Identität prägt, sondern auch die traditionsreiche Verbindung zwischen Bürgerschaft, Schützenwesen und Handwerk widerspiegelt. 2026 findet der Hofer Schlappentag zum 594. Mal statt.
Ursprung und geschichtlicher Hintergrund
Der Hofer Schlappentag geht auf das Jahr 1432 zurück. In dieser Zeit wurde die Stadt Hof, wie viele Städte im Mittelalter, regelmäßig von Feinden bedroht. Nachdem die Stadt 1430 von den Hussiten erobert und vollständig zerstört worden war, forderte der Marktgraf von Brandenburg die Ausstattung der Bürger mit Handfeuerwaffen als Bedingung für eine zehnjährige Steuerfreiheit. Die somit wehrfähigen Bürger sollten die Stadt bei späteren Angriffen entsprechend besser verteidigen können. 1432 wurde eine vorwiegend aus Handwerkern bestehende Schützengilde gegründet deren Mitglieder alljährlich an Schießübungen teilnehme mussten.
Der Name Schlappentag stammt der Überlieferung nach daher, dass viele Bürger diese Pflicht nicht besonders ernst nahmen und in „Schlappen“ - also Hausschuhen oder einfachem Schuhwerk - spät und unvorbereitet am Schießhäuschen erschienen. Der Begriff wurde zur spöttischen Bezeichnung für den Tag, an dem sich die Schützen der Stadt ihrer Schießpflicht stellten - und später zur offiziellen Bezeichnung eines städtischen Festtages.
Der Schlappentag heute: gelebtes Kulturerbe
Auch im 21. Jahrhundert hat der Hofer Schlappentag nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Er ist nicht nur das größte Heimatfest der Stadt Hof, sondern auch ein zentrales Ereignis im Jahreskalender der Region und des BSSB-Schützenbezirks Oberfranken. Tausende Besucher aus Hof und Umgebung nehmen an den Feierlichkeiten der Handwerkszünfte und Schützen teil oder verfolgen den traditionellen Festumzug.
Der Tag verkörpert die Verbindung zwischen Schützentradition, bürgerlicher Mitverantwortung und Festkultur. In Zeiten, in denen historische Bezüge zunehmend in den Hintergrund treten oder gar verloren gehen, bietet der Schlappentag ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie lebendige Traditionspflege aussehen kann.
Für den Bayerischen Sportschützenbund und den Deutschen Schützenbund stellt der Schlappentag ein Paradebeispiel dar, wie sich das Schützenwesen nicht nur als sportliche Betätigung, sondern auch als Träger kultureller und gesellschaftlicher Werte versteht.
Bräuche und Rituale am Schlappentag
Eine zentrale Rolle am Schlappentag spielt bis heute die Privilegierte Scheiben-Schützengesellschaft in Hof von 1432, eine der ältesten noch bestehenden Schützengesellschaften Deutschlands. Sie organisiert und prägt die Feierlichkeiten als Nachfolgerin der Hofer Schützenkompanie maßgeblich. In der fast 600-jährige Geschichte des Schlappentages haben sich bis heute zahlreiche Bräuche und Rituale entwickelt, wobei der Schlappentag vor allem durch folgende Bräuche geprägt wird:
- Festumzug durch die Stadt: Der Höhepunkt des Schlappentags ist der farbenfrohe Festzug, der am Montag nach Trinitatis, dem ersten Sonntag nach Pfingsten, stattfindet. In historischen Uniformen, begleitet von Musik, Pferdegespannen und prächtigen Festwagen, ziehen die Schützen, örtliche Vereine und Vertreter aus Politik und den Handwerkszünften durch die ganze Hofer Innenstadt.
- Schlappenbier: Eigens für den Schlappentag wird ein süffiges Starkbier gebraut, das einst den Schützen vorbehalten war. Heute wird es öffentlich ausgeschenkt, sobald der Umzug den Festplatz erreicht. Dazu werden Hofer Bratwürste serviert. Bis heute wird das Schlappenbier nach der Originalrezeptur gebraut.
- Schlappenschießen und der Schlappenkönig: Zum Schlappenschießen, das nach wie vor durch die Privilegierte Scheibenschützengesellschaft 1432 einen Tag vor dem Schlappentag durchführt wird, sind heute Personen des öffentlichen Lebens, Handwerker und Schützen eingeladen. Geschossen wird an authentischer Stätte, im Schießgraben am Schießhäuschen, mit einem Zimmerstutzen. Als Insignien dienen dem Schlappenkönig eine Königskette und eine Zitrone; zudem winkt ein Jahr kostenloses Parken auf allen öffentlichen Parkplätzen der Stadt Hof als Preis. Tritt ein eingeladener Teilnehmer nicht an, wird – analog zur Strafe, mit der man belegt wurde, wenn man früher die Schießübung versäumte – ein Bußgeld fällig. Umgehen kann dies der Eingeladene, indem er sich einen anonymen Schützen „kauft“. Seit 2015 gibt es außerdem im Anschluss an das Schlappenschießen ein öffentliches Bürger-Schießen: ohne Preis, doch der Sieger darf im Folgejahr am offiziellen Schlappenschießen teilnehmen. Eine große Ehre, denn schließlich ist das Schlappenschießen der ursprüngliche Anlass des gesamten Festes.
- Der Hofer Schlappentag ist bis heute mehr als nur ein Volksfest. Er ist ein einzigartiges Zeugnis städtischer Geschichte, bürgerschaftlicher Verantwortung und schützentraditioneller Kontinuität. Seine Pflege durch die Privilegierte Schützengesellschaft von 1432 und die Einbindung der gesamten Stadtgesellschaft machen ihn zu einem lebendigen Denkmal fränkischer Schützentradition.
(BSSB)
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