Tradition
75 Jahre Wiedergründung DSB: „Im Schatten Karls des Großen – Die Karlsschützengilde vor 1198 Aachen e.V.“
Die Schützentradition und das Brauchtum ist neben dem Sport ein fester und wichtiger Bestandteil der Schützenkultur im Deutschen Schützenbund, in den Landesschützenverbänden und ihren Untergliederungen. Schützentraditionen und Bräuche können dabei sehr unterschiedlich sein, wie die verschiedenen Beiträge der Landesverbände zeigen, die das gesamte Jahr über zum 75-jährigen Jubiläum der DSB-Wiedergründung veröffentlicht werden. Dieses Mal ist der Rheinische Schützenbund an der Reihe, der ausführlich von der ältesten Schützengilde Deutschlands berichtet.

Wenn man diese Stadt im äußersten Westen Deutschlands anfährt oder auch nur streift, denkt man vielleicht an Karl den Großen, das Weltkulturerbe Dom, den Karlspreis, Reitturnier, Elitehochschule – und Printen. Hier, an diesem Ort, treffen Geschichte und Moderne, Althergebrachtes und Innovatives aufeinander. In diesem Spannungsfeld schlägt auch das Herz eines Vereins, der beides – Brauchtum und Moderne – miteinander verbindet: die Karlsschützengilde vor 1198 Aachen e.V. Sie gilt als die traditionsreichste Schützengilde sowie der älteste Verein Deutschlands.
Ein Ursprung im Dunkel der Geschichte
Der Gilde wird ein Ursprung noch vor dem Jahr 1198 nachgesagt – und in der Tat schließt ihre Überlieferung nicht aus, dass die Wurzeln bis in die Zeit Karls des Großen (+ 814 n.Chr.) zurückreichen könnten. Die offizielle Namensgebung „vor 1198“ beruht auf historischen Begebenheiten, als Aachen noch als Krönungsstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zentraler Ort dieses Imperiums war und somit auch Ziel herrschaftlicher Ambitionen wurde. Als die Stadt im Jahr 1166 von Kaiser Friedrich I. Barbarossa in den Stand einer Freien Reichsstadt erhoben wurde, gingen damit nicht nur lukrative Rechte einher, sondern auch die vom Herrscher an die Bewohner übertragene Pflicht, das Gemeinwesen mit einer festen Mauer samt Türmen und Toren zu befestigen sowie die Verteidigung zu übernehmen. Bereits 1198 wurde es für die wehrhaften Bürger ernst, als der Welfe Otto IV. beim Versuch, sich zum deutschen König auf dem Karlsthron krönen zu lassen, mit seinen Truppen die Stadt belagern musste, weil die treuen Aachener zu seinem staufischen Kontrahenten hielten und ihn nicht hineinließen. Bei diesen Kämpfen - so berichtet eine zeitgenössische Chronik - zeichneten sich vor allem die Aachener Schützen aus, die zwar recht effektiv agierten, aber den Einzug Ottos und seine Krönung letztendlich nicht verhindern konnten. Die dokumentierte militärische Effizienz setzt jahrelanges, intensives Üben voraus, und man darf vermuten, dass - wahrscheinlich bereits lange vor der Stadterhebung - mit Pfeil und Bogen sowie der Armbrust Schützen ihren Heimatort und seine Bewohner zu verteidigen bereit und in der Lage waren. Und auf diese wehrhaften Bürger führt sich die Karlsschützengilde zurück, die einzige der mittelalterlichen Schützengemeinschaften Aachens, die die Jahrhunderte überdauert hat. Alle anderen Aachener Vereine, Bruderschaften und Gilden stützen sich auf ein späteres Gründungsdatum. Dennoch gilt auch für die ehrwürdige Karlsschützengilde, dass ihr eigentlicher Gründungsmoment im Nebel der Geschichte verschwimmt.
Vom Schutz zur sportlichen Gemeinschaft
Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich der Zweck der Schützengilden: Waren sie einst praktische Verteidigungsverbände, entwickelten sie sich zu Trägern von Brauchtum und geselligem Leben, zumal ihr eigentlicher Daseinszweck nun in der fortschreitenden Neuzeit von besoldeten Stadtsoldaten übernommen wurde.

Ein nächster Schritt in der Entwicklung wurde mit der Etablierung des modernen Schießsports im 19. Jahrhundert - und der Gründung des Deutschen Schützenbundes (DSB) 1861 - getan. Nun erhielt das Schützenwesen neben der Pflege von Traditionen mit der Ausübung des Schießens als sportlicher Wettkampf ein weiteres Standbein.
Die Karlsschützengilde nahm diese Entwicklung auf: Heute ist sie politisch und konfessionell neutral organisiert und wurde Mitglied in mehreren Verbänden, darunter dem DSB, dem Rheinischen Schützenbund (RSB) e.V. 1872 als Mitbegründer, dem Stadtsportbund Aachen und dem Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften. Mit etwa 170 Mitgliedern bildet sie sowohl eine traditionsreiche Gemeinschaft als auch eine sportlich aktive Vereinigung.
Sport auf hohem Niveau
Auf der Schießsportanlage im Aachener Stadtteil Eilendorf - Leistungsstützpunkt und Trainingsstätte zugleich - trainieren Mitglieder in den verschiedensten Disziplinen: im Gewehr-, Pistolen- und sportlichen Armbrustschießen genauso wie im Wurfscheibenschießen. Im Jahr 2009 wurde zusätzlich der Bogensport in das sportliche Programm aufgenommen und wird seither erfolgreich und mit viel Enthusiasmus betrieben. So betont die Gilde auch für die Zukunft ihre Bereitschaft, sich neuen Wegen und Disziplinen zu öffnen.
Schießsportler aus der Gilde messen sich auf regionalen und nationalen Meisterschaften und bringen regelmäßig Erfolge nach Aachen. Einige Schützinnen und Schützen haben es bis zu Deutschen Meisterschaften, zu olympischer Teilnahme und gar zur Weltmeisterschaft geschafft und zeigen, dass die Gilde nicht nur in der Tradition stark ist, sondern auch im Leistungssport ernst genommen wird.
Tradition als lebendiges Element
Bei allen bemerkenswerten sportlichen Erfolgen bleibt das Brauchtum ein tragendes Element, wobei der Schützenball im Januar sowie das große Königs-, Prinzenvogel- und Scheibenkönigsschießen im August wichtige Termine im Vereinsleben darstellen. Im Rahmen des Karlsfestes in Gedenken des Todestages Karls des Großen (+ 28.1.814) feiert die Gilde ihr Patronatsfest im Rahmen eines Pontifikalamtes im Aachener Dom. Ihn empfinden die Karlsschützen als ihren kirchlichen Mittelpunkt, und einem neuernannten Dompropst wird traditionell das Amt des Präses der Gilde angetragen.
Mit dem Stadtmajestätenschießen der Stadt Aachen und den Teilnahmen an den zahlreichen Schützenfesten und Bällen befreundeter Bruderschaften und Vereine pflegt man die Nähe zu den anderen Schützen der Stadt und der Region. Man versteht sich als große Schützenfamilie, die durch gesellige Ereignisse, Festumzüge, Begegnungen bei Wettkämpfen sowie gemeinschaftliches Agieren zusammenhält und gemäß dem Motto „Für Glaube, Sitte und Heimat“ eine gemeinsame Identität erlebt.
Ein Verein zwischen Vergangenheit und Zukunft
Für viele Mitglieder ist die Gilde ein Ort der Begegnung, des Miteinanders und des Lernens. Jugendliche und auch Ältere entdecken im Sport Konzentration, Disziplin und Teamgeist; Erfahrungen und Leidenschaft werden weitergegeben. Ein Generationen und unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen übergreifender Austausch ist ein zentraler Teil dessen, was den Verein ausmacht.
Hier spürt man Vertrautheit, empfindet sich als Teil einer Gemeinschaft, die zueinandersteht, knüpft Freundschaften... Manche beginnen als Jugendliche, bleiben ihr Leben lang und helfen, Erfahrungen, Erinnerungen und Traditionen weiterzureichen.
Heute ist die Karlsschützengilde vor 1198 Aachen e.V. mehr als nur ein historisches Relikt: Sie ist ein lebendiger Verein, der Tradition und Sport verbindet. Sie erzählt eine Geschichte, die vor langer Zeit begann, und führt sie weiter in die Gegenwart, in der Menschen aller Altersgruppen gemeinsam feiern, trainieren und einander unterstützen.
Wenn man die Schießsportanlage im Grünen von Eilendorf betritt, hört man nicht nur das Knallen der Waffen oder das Zischen der Pfeile, die durch die Luft fliegen - man hört Geschichte. Und man spürt, wie sie weitergeschrieben wird.
(Rheinischer Schützenbund)
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