Tradition
75 Jahre Wiedergründung DSB: Das größte Schützenfest der Welt steigt in Hannover
Die Schützentradition und das Brauchtum sind neben dem Sport ein fester und wichtiger Bestandteil der Schützenkultur im Deutschen Schützenbund, in den Landesschützenverbänden und ihren Untergliederungen. Schützentraditionen und Bräuche können dabei sehr unterschiedlich sein, wie die verschiedenen Beiträge der Landesverbände zeigen, die das gesamte Jahr über zum 75-jährigen Jubiläum der DSB-Wiedergründung veröffentlicht werden. Dieses Mal ist der Niedersächsische Sportschützenverband an der Reihe.

Das Schützenfest Hannover auf dem rund zehn Hektar großen Schützenplatz in Hannover gilt als das größte Schützenfest der Welt, mit einer bis in das 15. Jahrhundert zurückreichenden Tradition. Jedes Jahr wird die zehntägige Veranstaltung von rund 900.000 Gästen aufgesucht, in der Vergangenheit wurde auch häufig die Millionenmarke geknackt. Das Fest ist neben den zahlreichen Veranstaltungszelten geprägt durch die rund 200 Schausteller und das traditionelle Getränk, die „Lüttje Lage“ mit seiner „speziellen“ Trinkweise.
Geschichte: Ursprung liegt im 15. & 16. Jahrhundert
Die erste urkundliche Erwähnung des hannoverschen Schützenwesens geht auf einen Brief von Herzog Wilhelm dem Siegreichen an den Rat der Stadt 1468 zurück. Darin beschwerte er sich über die wehrsportlichen Übungen der Hannoveraner. Ihm war bekannt geworden, dass die Hannoveraner auf dem Gelände der geschleiften Burg Lauenrode in der Calenberger Neustadt mit Armbrüsten auf einen an einer Stange befestigten bunten Holzpapageien schossen. Aus den sportlichen Übungswettkämpfen in Friedenszeiten ergab es sich, dass die besten Schützen mit Preisen und Auszeichnungen geehrt wurden.
Der Grundstein zum Fest wurde 1529 gelegt, als Herzog Erich I. von Calenberg-Göttingen Hannover mit dem Privileg ausstattete, jährlich ein Schützenfest zu feiern.

Das erste Schützenhaus wurde 1573/74 am Klagesmarkt erbaut. Um Ausschreitungen während der Feste zu verhindern, wurde bereits im Jahre 1575 eine Schützenordnung erlassen, die den Festbetrieb regelte. 1710 wurden die Bruchmeister bestellt, die als Hilfsbeamte offiziell für einen geregelten und geordneten Ablauf des Schießens zu sorgen hatten.
Bruchmeister: Seit 2022 für alle Geschlechter geöffnet
Bruchmeister ist ein Ehrenamt der Stadt Hannover. Vier Personen werden für die Dauer eines Jahres vom Oberbürgermeister der Stadt ernannt und erfüllen Repräsentationsaufgaben. Bis 2022 waren es jeweils vier Herren, danach wurde das Ehrenamt für alle Geschlechter geöffnet.
Wahrscheinlich geht das Amt der Bruchmeister auf die im Jahr 1303 erstmals erwähnten Ordnungsherren (Magistris discipline) der Stadt Hannover zurück. Diese hatten für die Aufrechterhaltung der Ordnung beispielsweise bei Festlichkeiten zu sorgen. Sie wachten über die Einhaltung der von der Stadt erlassenen Gesetze und (Ver-)Ordnungen und ahndeten den Verstoß (Bruch).
Seit dem 14. Jahrhundert sind Voraussetzungen festgeschrieben, die ein Bürger Hannovers erfüllen muss, der sich um das Amt des Bruchmeisters bewirbt: Er muss „ledig, unbescholten, von gutem Leumund und Charakter“ und seit 1935 auch Mitglied eines der Schützenvereine in Hannover sein. Weiter darf der Bewerber nicht älter als 35 Jahre sein. Während seines Amtsjahres muss er der Stadt jederzeit für Repräsentationsaufgaben zur Verfügung stehen.
Vorgeschlagen werden die Kandidaten (derzeit) von den Vorsitzenden der Schützenvereine aus den Reihen ihrer Mitglieder. Seit 2022 bittet die Schützenstiftung der Stadt Hannover alle Bewerber zu einem Test, in dem sie Fragen zur Stadtgeschichte, dem Schützenwesen und der Tradition der Bruchmeister beantworten müssen. Die vier am besten geeigneten Kandidaten werden dann als Bruchmeister-Anwärter der Stadt Hannover vorgeschlagen. Hat der Oberbürgermeister ihrer Ernennung zugestimmt, werden sie dem Rat der Stadt vorgestellt und zu Beginn des Schützenfestes am „Freitag vor dem ersten Montag im Juli“ in der Kuppelhalle des Neuen Rathauses für ein Jahr als Bruchmeister verpflichtet. Seit dem Jahr 1825 tragen die Bruchmeister auch die Städtischen Standarten (damals noch Fahnen) den vier Zügen des Schützenausmarsches voran.
Maskottchen: „Ballerkalle“ & „Ballerina“
Der „Ballerkalle“ ist seit 1975 das Maskottchen des Schützenfestes Hannover. Die Figur stellt eine laufende Schießscheibe mit zwei Füßen und einem Schützenhut dar. Jedes Jahr erscheint der „Ballerkalle“ auch als kleine Anstecknadel mit Jahreszahl. Seinen Ursprung hat das Maskottchen 1975 in einer Ausschreibung für einen Plakatwettbewerb. Gesucht wurde ein eingängiges Symbol, welches das traditionelle Volksvergnügen und den Schützenausmarsch in „überzeugender und prägnanter Form herausstellt“. Studierende der Fachhochschule für Kommunikation- und Produktgestaltung Hannover waren zu einem „Schützenfest-Plakatwettbewerb“ aufgerufen. 2017 wurde das Maskottchen grundlegend überarbeitet und bekam erstmals ein Gesicht. Im gleichen Jahr gesellte sich mit der „Ballerina“ ein weiblicher Gegenpart zu „Ballerkalle“ hinzu. Zusammen bilden sie die Maskottchen des Schützenfestes Hannover.
Schützenausmarsch Hannover: Über 150.000 Zuschauer an der Strecke
Der Schützenausmarsch Hannover ist der alljährliche Umzug der Schützenvereine in der Stadt Hannover und der Höhepunkt des hannoverschen Schützenfestes. Der Schützenausmarsch findet traditionell am ersten Sonntag des Schützenfestes statt. Am rund 10 Kilometer langen Zug nehmen über 10.000 Menschen teil, davon rund 5.000 Schützen aus verschiedenen Vereinen sowie Musikkapellen, Spielmannszüge und weitere Gruppen. Er startet am Neuen Rathaus und bewegt sich über 3,5 Kilometer durch die Innenstadt zum Endpunkt auf dem Schützenplatz. Gesäumt wird der längste Schützenausmarsch der Welt von rund 160.000 Zuschauern direkt an der Wegstrecke.
(NSSV)
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