Tradition

75 Jahre Wiedergründung DSB: „Seit 1334“ – Tradition, die Verantwortung trägt

18.06.2026 10:15

Die Schützentradition und das Brauchtum sind neben dem Sport ein fester und wichtiger Bestandteil der Schützenkultur im Deutschen Schützenbund, in den Landesschützenverbänden und ihren Untergliederungen. Schützentraditionen und Bräuche können dabei sehr unterschiedlich sein, wie die verschiedenen Beiträge der Landesverbände zeigen, die das gesamte Jahr über zum 75-jährigen Jubiläum der DSB-Wiedergründung veröffentlicht werden. Dieses Mal ist der Schützenverband Berlin-Brandenburg an der Reihe.

Foto: SVBB / Tradition, die bewahrt wird durch die Schützengilde zu Spandau - zu erkennen an dem blauen Band - dem Treueband des Wittelsbacher Hausordens.
Foto: SVBB / Tradition, die bewahrt wird durch die Schützengilde zu Spandau - zu erkennen an dem blauen Band - dem Treueband des Wittelsbacher Hausordens.

Vom mittelalterlichen Bürgerrecht zum modernen Sportschießen in Berlin-Brandenburg
Die erste urkundliche Erwähnung der Schützengilde zu Spandau Korp. ist auf das Jahr 1334 datiert. Markgraf Ludwig von Brandenburg gewährte den Spandauern nach ihrer ausgezeichneten Unterstützung in einer kriegerischen Auseinandersetzung mehrere Privilegien – darunter das Recht, eine Schutzgilde zum Schutz der Stadt zu gründen und das Ausbilden und Üben an Waffen offiziell zu organisieren. 
Es ging um Verantwortung. Mitglied war nicht irgendwer, sondern wer das Bürgerrecht besaß und damit Rechte wie Pflichten übernahm, für Sicherheit und Ordnung einzustehen. Im Mittelalter bedeutete das konkret: Verteidigungsbereitschaft.
Die Gilde organisierte das Training mit dem Bogen und später an Feuerwaffen, regelte Zuständigkeiten und stellte im Ernstfall bewaffnete Bürger zur Verteidigung bereit. Gleichzeitig entwickelte sich früh ein eigenständiges Vereinsleben mit festgeschriebenen Satzungen, gewählten Ämtern und traditionellen Wettkämpfen wie dem Königsschießen.
Bereits 1349 erhielt die Gilde eine besondere Auszeichnung: Markgraf Ludwig der Bayer stiftete „Das blaue Band“, das Treueband des Wittelsbacher Hausordens. Dieses Band wird bis heute von der linken Schulter nach rechts über dem Schützenrock getragen und ist ein sichtbares Zeichen jahrhundertealter Verbundenheit und Anerkennung.
Diese frühe Form bürgerlicher Selbstorganisation ist bemerkenswert, denn noch bevor moderne Vereinsstrukturen entstanden, existierten klare Regeln, Hierarchien und demokratische Elemente. Die Schützengilde zu Spandau Korp. überstand Reformationszeit, Dreißigjährigen Krieg, preußische Militärtradition und Industrialisierung und blieb dabei stets Standort einer lebendigen Schützengemeinschaft.
Fast 700 Jahre später steht die Schützengilde zu Spandau noch immer für diese Haltung – heute nicht mehr als Teil einer Bürgerwehr, sondern als moderner Sportverein im organisierten Sportschießen. Der Weg dorthin erzählt nicht nur eine Vereinsgeschichte seiner Mitglieder, sondern beschreibt ebenso die Entwicklung der Stadt und ihrer Gesellschaft.

Mittelalterliche Wurzeln: Bürgerrecht und Pflicht
Auch die Schützengilde Berlin Korp. führt ihre Wurzeln bis in das Jahr 1433 zurück. Berlin und Cölln waren zu diesem Zeitpunkt bereits politisch verbunden und entwickelten sich zu einem bedeutenden Handels- und Verwaltungszentrum der Mark Brandenburg.
Das Schützenwesen war hier eng mit der Stadtentwicklung verknüpft. Bürgerliche Zusammenschlüsse stärkten nicht nur die Verteidigungsfähigkeit, sondern auch das Selbstbewusstsein einer wachsenden Residenzstadt.
Bemerkenswert ist dabei eine weitere Facette der Gilde: Neben der wehrhaften Aufgabe übernahm sie früh soziale Verantwortung. Armen und Kranken wurde durch verpflichtende Beiträge geholfen, die jedes Mitglied entsprechend seines Vermögens zu leisten hatte. Einmal jährlich wurden den Bedürftigen im Hospital zu Sanct Gertrauden Brot und eine Tonne Bier gestiftet – ein Zeichen gelebter Solidarität. Man darf annehmen, dass die Schützen dort gern gesehen waren.
In den folgenden Jahrhunderten spiegelte sich in der Geschichte der Schützengilde Berlin Korp. die gesamte Entwicklung der Stadt wider: die Zeit der brandenburgischen Kurfürsten, der Aufstieg Preußens, die Umbrüche der napoleonischen Kriege. Schützenfeste wurden gesellschaftliche Ereignisse, Königsketten zu Symbolen bürgerlicher Ehre und gleichzeitig professionalisierte sich das Schießen zunehmend als sportlicher Wettbewerb.

Wandel durch die Jahrhunderte
Mit dem Entstehen von Berufsheeren verlor das Schützenwesen nach und nach seine militärische Kernaufgabe. Doch statt zu verschwinden, entwickelte sich aus der Verteidigungsübung ein sportlicher Wettkampf.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das Schützenwesen zunehmend zu einer organisierten Sportbewegung. Feste Wettkampfregeln, überregionale Vergleiche und erste Verbandsstrukturen entstanden. Auch in Berlin wuchsen die Vereine, überstanden politische Umbrüche, Industrialisierung und gesellschaftliche Veränderungen.
Die Schützengilde Berlin Korp. und die Schützengilde zu Spandau Korp. erlebten Kaiserreich, Weimarer Republik, zwei Weltkriege und die Teilung der Stadt. Archive gingen verloren, Strukturen mussten neu aufgebaut werden. Doch die Gemeinschaft blieb stets erhalten.

Bis 1945 – Brüche, Verluste und Standhaftigkeit
Die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts gingen auch an den Berliner Schützengilden nicht spurlos vorbei. Der Erste Weltkrieg, die Instabilität der Weimarer Republik, die Gleichschaltung im Nationalsozialismus und schließlich der Zweite Weltkrieg führten zu tiefgreifenden Einschnitten.
Vereinsleben wurde eingeschränkt oder instrumentalisiert, Mitglieder eingezogen, Anlagen enteignet oder zerstört, Dokumente gingen verloren. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam das organisierte Schützenwesen in Deutschland zunächst vollständig zum Erliegen. Und doch blieb weiterhin etwas erhalten, und zwar die Idee der Gemeinschaft.

Foto: SVBB / Auch die Schützengilde Berlin Korp. führt ihre Wurzeln bis in das Jahr 1433 zurück und ist heute auch Anziehungspunkt für junge Leute.
Foto: SVBB / Auch die Schützengilde Berlin Korp. führt ihre Wurzeln bis in das Jahr 1433 zurück und ist heute auch Anziehungspunkt für junge Leute.

Bruch und Neubeginn: 1951
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Besitz und die Nutzung von Waffen – auch zu sportlichen Zwecken –  in Deutschland zunächst vollständig untersagt. Die Wiedergründung mehrerer Landesverbände und schließlich des Deutschen Schützenbundes 1951 markierte einen entscheidenden Neuanfang unter klaren demokratischen und sportlichen Vorzeichen.
Auch in Berlin-Brandenburg bedeutete dies einen strukturellen Neubeginn. Der Schützenverband Berlin-Brandenburg entstand als organisatorisches Dach, welches das traditionelle Schützenwesen mit der sportlichen Ausrichtung verband. In der geteilten Stadt entwickelte sich das moderne Sportschießen schnell zu einem gesellschaftlichen Anker, der für Verklässlichkeit und Kontinuität stand.
Die traditionsreichen Vereine knüpften an ihre historischen Wurzeln an – jedoch in einem neuen Selbstverständnis. So ging es nicht mehr um wehrhafte Bürgervereinigungen, sondern um moderne Sportvereine mit klarer Ausrichtung auf sportliche Fairness, leistungssportliche Entwicklung sowie Förderung des Nachwuchses.

Tradition im 21. Jahrhundert – gelebte Verantwortung
Wer heute eine Trainingseinheit in der Schützengilde zu Spandau Korp. oder bei den Schützengilden Berlin Korp. und Charlottenburg erlebt, sieht hochkonzentrierte Athletinnen und Athleten, moderne Anlagen und strukturierte Trainingspläne. Und doch lebt die Geschichte weiter…

… sie lebt in den historischen Dokumenten, die die Vereinsgeschichte in all ihren Facetten erlebbar macht;
… sie lebt in jahrhundertealten Traditionen, wie dem Königsschießen, die neuzeitlich interpretiert und ausgestaltet werden;
… sie lebt in erhaltenen Silberketten und Fahnen, die den Wert des Schützenwesens für die Gesellschaft belegt;
… und sie lebt vor allem in den Werten, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben wurden:

  • Gemeinschaft,
  • Verantwortung,
  • Engagement,
  • Disziplin,
  • Fairness,
  • Respekt.

Tradition bedeutet keineswegs, an altem festzuhalten, sondern sich seiner Herkunft bewusst zu sein und auf dieser Grundlage seine Zukunft aktiv gestalten zu können.

Vom Armbrustschützen zum Leistungssportler
Der Weg vom mittelalterlichen Armbrustschützen zum heutigen Sportschützen mit Luftgewehr oder Sportpistole mag weit erscheinen. Tatsächlich verbindet beide mehr, als es auf den ersten Blick scheint: Konzentration, Körperbeherrschung, innere Ruhe und Verantwortung im Umgang mit dem Sportgerät.
Die Berliner Traditionsvereine zeigen exemplarisch, wie sich das Schützenwesen über Jahrhunderte gewandelt hat, und dabei seinem Kern treu geblieben ist.

75 Jahre Wiedergründung – gelebte Kontinuität
Im Jubiläumsjahr der Wiedergründung des Deutschen Schützenbundes und des Schützenverbandes Berlin-Brandenburg wird deutlich, dass die Stärke des organisierten Sportschießens in seiner Geschichte liegt. 
Vereine wie die Schützengilde zu Spandau Korp. von 1334 und die Schützengilde Berlin Korp. von 1433 tragen diese Geschichte nicht als Last, sondern als Geschenk. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart, und schaffen so Räume, in denen Gemeinschaft, Tradition und Sport selbstverständlich zusammengehören. 
Was im Mittelalter als Bürgerpflicht begann, ist heute moderner Leistungssport mit klaren Werten und demokratischen Strukturen. Und genau darin liegt die eigentliche Tradition: Verantwortung zu übernehmen – gestern wie heute.

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