Tradition

75 Jahre Wiedergründung DSB: Vogelschießen in Westfalen - Geschichte, Bedeutung und lebendiges Brauchtum

14.09.2026 14:33

Die Schützentradition und das Brauchtum sind neben dem Sport ein fester und wichtiger Bestandteil der Schützenkultur im Deutschen Schützenbund, in den Landesschützenverbänden und ihren Untergliederungen. Schützentraditionen und Bräuche können dabei sehr unterschiedlich sein, wie die verschiedenen Beiträge der Landesverbände zeigen, die das gesamte Jahr über zum 75-jährigen Jubiläum der DSB-Wiedergründung veröffentlicht werden. Dieses Mal ist der Westfälische Schützenbund an der Reihe, der ausführlich über das Brauchtum des Vogelschießens berichtet.

Grafik: WSB / Beispiele für Königsvögel für das Schießen mit Schrot und Großkaliber.
Grafik: WSB / Beispiele für Königsvögel für das Schießen mit Schrot und Großkaliber.

Das Vogelschießen gehört zu den sichtbarsten und traditionsreichsten Bräuchen des westfälischen Schützenwesens. Kaum ein Schützenfest, das nicht vom ritualisierten Abschuss eines kunstvoll gefertigten Holzvogels geprägt wäre. Doch hinter dem farbenfrohen Ereignis mit Musik, Uniformen und Festumzug verbirgt sich weit mehr als nur ein volkstümlicher Wettbewerb. Das Vogelschießen ist ein komplexes kulturelles Phänomen, dessen Wurzeln bis ins Mittelalter reichen und das sich im Laufe seiner Geschichte immer wieder gewandelt hat. Es vereint militärische Tradition, sakrale Symbolik, lokale Identität und moderne Festkultur – und nimmt gerade in Westfalen eine besondere Stellung ein.

Historische Ursprünge – Vom Kultsymbol zum Schützenbrauch
Belege für frühe Formen des Vogelschießens stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Aus Flandern, dem heutigen Belgien und den Niederlanden, sind erste Schießspiele dokumentiert, bei denen auf Vogelziele aus Holz, Leder oder Pappe geschossen wurde. Die Vögel wurden auf Kirchtürmen, Windmühlen, Wehrtürmen oder Stangen montiert und mit Bögen, Armbrüsten und später auch mit Feuerwaffen beschossen. Diese Veranstaltungen dienten der Wehrübung ebenso wie der Festkultur der Städte. Doch die Idee, auf ein Vogelsymbol zu zielen, ist wesentlich älter: In vorchristlich-keltischen Kulturen galt der Vogel als Opfergabe oder als Mittler zur Götterwelt.

Nach den Kreuzzügen etablierte sich in Europa die Vorstellung des Papageienvogels als Zielsymbol, erste Erwähnungen findet man aus den Jahren 1383, 1389 sowie 1461.  Später waren auch die Bezeichnungen wie Greif, Aar, Hahn oder einfach Vogelziel gebräuchlich.

Grafik: WSB / So edel kann ein Prunkvogel aussehen, der rein repräsentativen Zwecken dient und z.B. in Festzügen oder in Schützenhäusern zur Schau gestellt wird.
Grafik: WSB / So edel kann ein Prunkvogel aussehen, der rein repräsentativen Zwecken dient und z.B. in Festzügen oder in Schützenhäusern zur Schau gestellt wird.

Erst im Laufe der Neuzeit setzte sich der Begriff Schützenvogel durch. Mit der Wandlung des Schützenwesens zur reinen Ordnungs- und Feierkultur büßte im ausgehenden 17. und dann im 18. Jahrhundert auch das Vogelschießen seine Bedeutung ein. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte das Schützenwesen wieder einen Aufschwung und mit ihm das Vogelschießen. Teils kunstvoll gestaltete und bemalte Holzvögel – häufig gab man ihnen im Rahmen einer feierlichen „Vogeltaufe“ einen Namen – gehören seitdem bis heute zum westfälischen Brauchtum.

Dass das Vogelschießen ein gesellschaftliches Großereignis war, belegen zahlreiche historische Quellen: Heinrich IV. von Frankreich sah man 1595 beim Vogelschießen in Dijon; Erzherzog Ferdinand von Österreich, den Bruder Karls V., 1579 beim Schützenfest in Gent, wo er den Vogel abschoss; Erzherzog Maximilian, den späteren Kaiser, 1479 beim Schützenfest der Armbrustschützen in Brügge, wo auch er den Vogel abschoss; die Regentin der Niederlande, Margarete von Österreich, 1572 in Mechelen, wo sie den Vogel abschoss und Schützenkönigin wurde; der noch nicht zwölfjährige Erzherzog Philipp der Schöne, ein Sohn Kaiser Maximilians I., 1490 in Namur, (seinen Königsschuss hielten die Zeitgenossen für ein Wunder); die Bischöfe von Utrecht bei den Schützenfesten ihrer Stadt; Herzog Johann 1515 und Herzog Wilhelm V. beim Vogelschießen in Jülich; die Äbte von Siegburg bei den dortigen Schützenfesten, wobei Abt Gerhard von Plettenberg 1511 den Vogel abschoss; verschiedene Kurfürsten sind von 1591 bis 1766 unter den Schützenkönigen der St. Sebastianus-Bruderschaft Brühl zu finden usw. Darunter auch Adelige mit einer besonderen Bedeutung in der deutschen Geschichte wie z. B. im Jahre 1711 der Kurfürst Johann Wilhelm II. (Jan Wellem) in Mülheim. Man erkennt aus diesen Daten, dass „prominente“ Persönlichkeiten in den ältesten Schützenbruderschaften, -gesellschaften, -gilden und -vereinen regional eine besondere Bedeutung hatten und das Schützenwesen unterstützten. Die rituelle Bedeutung des Königsschusses war also keineswegs auf Bürger oder Gilden beschränkt.

Die größten Vogelschieß-Feste finden bis heute in Rudolfstadt in Thüringen (seit 1722) sowie in Plauen im Vogtland (etwa seit 1550, nach einer längeren Pause wurde diese Tradition im Jahr 1996 wieder reaktiviert) statt. 

Das Rudolfstädter Vogelschießen ist heute noch das größte Volksfest Thüringens mit jährlich etwa 500.000 Besuchern. Der Vogel wird dort mit der Armbrust abgeschossen. Das Vogelschießen in Plauen hat sich seit 1550 vom damaligen Schützenfest zum Volksfest mit Kirmes entwickelt. Das „Adlerschießen“ gehört in Plauen auch heute noch zum Highlight des Volksfestes im Vogtland.

Das Vogelschießen in Westfalen – Ein regionales Identitätssymbol
In Westfalen entwickelte sich das Vogelschießen zum Herzstück fast aller Schützenfeste. Während es andernorts an Bedeutung verlor oder in Spezialformen – wie dem Adlerschießen in Ravensburg – weiterlebt, fand der westfälische Brauch eine stabile Verankerung im ländlichen und kleinstädtischen Raum.

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Starke Vereinsstrukturen: Westfalen ist bis heute geprägt von Schützenbruderschaften, -gilden, -gesellschaften und -vereinen, deren Geschichte oft bis ins Spätmittelalter zurück reicht.
  • Militärisch-bürgerliche Tradition: Schützenvereine dienten ursprünglich der Verteidigung der Städte und später der bürgerlichen Selbstverwaltung.
  • Soziale Kohäsion: Das Schützenfest fungiert als generationsübergreifender sozialer „Ankerpunkt“ im Jahreslauf.
  • Kulturelle Vielfalt: Regionale Eigenheiten – etwa eigene Insignien, besondere Prozeduren oder lokale Figuren des Throngefolges – prägen jedes Fest einzigartig aus.

Auf vielen westfälischen Festen werden neben dem eigentlichen Schützenkönig auch Abteilungs-, Bataillons-, Regiments-, Jungschützen- oder Kinderschützenkönige ausgeschossen. Die Vielfalt der Titel zeigt, wie stark sich der Brauch an die Bedürfnisse der Gemeinschaft anpasst.

Der Schützenvogel – Kunsthandwerk zwischen Tradition und Technik
Während in frühen Zeiten auf echte, jedoch tote Vögel geschossen wurde, etablierte sich ab dem Spätmittelalter der Holzvogel als Ziel. Kunsthandwerker entwickelten aufwändig bemalte und verzierte Figuren, die teilweise selbst als Kunstobjekte galten. Heute sind Schützenvögel zwar funktionale Zielobjekte, aber gleichzeitig Träger regionaler Identität.

Material und Bauweise
Je nach Waffenart und Schießstand gelten strenge Vorgaben:

  • Luftgewehr: leichte Materialien wie Sperrholz, Pappe oder Styropor
  • Kleinkaliber: astfreies Weichholz, nach Erfahrungswerten dimensioniert
  • Schrot, Flintenlaufgeschosse oder Großkaliber: maximale Materialstärke innerhalb der Sicherheitsrichtlinien
  • Armbrust: stabile Silhouetten auf Hochständen bis zu 30 Metern Höhe

Neben den für das Schießen zugelassenen Vögeln gibt es Ziervögel, die – kunstvoll gestaltet – rein repräsentativen Zwecken dienen. Sie werden oft in den Festzügen getragen, als Prunkstücke ausgestellt oder zieren Schützenhäuser. 

Technik und Sicherheit – Das Vogelschießen im 21. Jahrhundert
Die Durchführung eines modernen Vogelschießens unterliegt detaillierten rechtlichen Rahmenbedingungen, darunter das Waffengesetz, immissionsschutzrechtliche Vorgaben und Umweltauflagen. Schießstände werden regelmäßig behördlich überprüft; zertifizierte Schießaufsichten überwachen den Ablauf. Dazu zählen:

  • sichere Absperrungen
  • kontrollierte Kugelfänge (Hochstand oder Flachstand) und Auflagelafetten
  • Begrenzung von Bleieinträgen
  • Lärmschutzvorgaben insbesondere in städtischen Bereichen

Auch die Art der Befestigung des Vogels – an einer Stange, auf einer Schraube oder indirekt über ein Seil – beeinflusst sowohl die Dauer des Schießens als auch die Art des finalen Königsschusses.

Ritual und Gemeinschaft – Der Ablauf des Vogelschießens
In vielen Vereinen hat sich über Jahrzehnte ein genau definierter Ablauf etabliert, der das Fest strukturiert und identitätsstiftende Bedeutung besitzt.

1. Aufstellung und Eröffnung

Der Vogel wird feierlich aufgestellt, oft begleitet vom Antreten der Schützen in geschlossener Formation. Ein Umzug durch das Dorf oder den Stadtteil gehört fest dazu. Nicht selten sind Vereinsmitglieder verpflichtet, mindestens einen Schuss abzugeben – ein symbolischer Akt der Verbundenheit.

2. Das Schießen

Geschossen wird traditionell nacheinander, häufig beginnend mit schwacher Munition. Bereits im 16. Jahrhundert galten in Münster „Statuten“ für des Vogelschießens“!

Besonders beliebt ist das Abschießen der Insignien:

  • Krone
  • Zepter
  • Apfel
  • Flügel
  • Stoß (Schwanz)

Video: Ein Schuss, und der König steht fest.

Diese Teilerfolge werden mitunter separat prämiert. Erst mit dem letzten Schuss, der das letzte Stück des Vogels zu Boden bringt, wird der neue König oder die neue Königin ermittelt.

3. Krönung des Königs

Die Krönung ist einer der emotionalen Höhepunkte des Festes. Der König erhält:

  • die Königskette, oft mit jahrhundertealten Silberorden
  • Zepter oder Königsschild
  • die Ehre und Verantwortung des Amtes für ein Jahr oder länger.

Traditionell wählt der König eine Königin sowie ein Throngefolge, dessen Größe je nach Verein stark variiert. Die ältesten Königsketten lassen sich bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückverfolgen – eindrucksvolle Zeugnisse gelebter Kontinuität.

Kinder- und Jugendvogelschießen – Nachwuchs und Zukunft
Bereits im 19. Jahrhundert entstanden kindgerechte Varianten des Vogelschießens, als Schulfeste begannen, das Brauchtum aufzugreifen. Heute dienen Blasrohre, Dartpfeile oder leichte Armbrüste als sichere Alternativen und sind ein wichtiger Bestandteil der Nachwuchsarbeit. So wird das Schützenwesen nicht nur gefeiert, sondern „lebendig vererbt“.

Kurioses, Heiteres und Seltsames
Bei einigen Vogelschießen kommt es auch schon mal zu kuriosen, lustigen, spannenden oder gar seltsamen Vorfällen. So gibt es eine Reihe von Fällen, in denen eigentlich der Wind die Würde eines Schützenkönigs errungen hat. Der „letzte“ Schütze hatte bereits den Schießstand verlassen und sein Nachfolger war auch schon auf dem Weg dorthin, als ein Windstoß den Vogel herunter wehte.

Auch wird so mancher Schütze vom herabfallenden Vogel überrascht, weil er überhaupt nicht damit gerechnet hat und man es dem Vogel in seinem Kugelfang auch nicht angesehen hatte. Wird dann auch noch ein winziges Reststück vom Vogel im Kugelfang übersehen, ist die Überraschung umso größer.

In der Regel nimmt derjenige die Würde eines Schützenkönigs dann auch an; es kommt aber auch schon mal vor, dass der Schütze die Annahme verweigert oder sogar vom Schützenplatz flüchtet. Der Begriff „Zaunkönig“ wurde in einem solchen Fall geprägt.  

In einigen Vereinen wird es manchmal auch schwierig, einen Kandidaten für den Vogelschuss zu finden. Es gibt aber auch das Gegenteil. Bei zwei Kinderschützenfesten meldeten sich im einen Fall 93 Bewerber und im zweiten Fall sogar 120 Kandidaten. Hier wurde dann eine Reihenfolge ausgelost. Auch beim Landeskönigsschießen des Westfälischen Schützenbundes meldet sich regelmäßig diese Bewerberzahl an. Eine Auslosung der Reihenfolge der Schützen gibt es also schon mal.

Ungewöhnlich ist es aber, dass in einem Verein die Partnerinnen der Bewerber die Lose ziehen. Auch der entsprechend negative Fall trat in einem Verein auf: es fand sich kein Kandidat und so wurde das Vogelschießen abgebrochen und man feierte mit dem amtierenden Schützenkönig. Ein Nachfolger fand sich dann auch erst im Folgejahr.

Die Dauer eines Vogelschießens hängt häufig vom Bau und der Gestaltung des Vogels und von der Zielsicherheit der Schützen ab. Dass ein Königsvogel aber bereits mit dem dritten Schuss von der Stange fällt und dass dieser Schuss vom Pfarrer der Gemeinde abgegeben wurde, ist eher selten. Nach einem Telefonat mit seinem Bischof nahm der Pfarrer aber die Königswürde auch an und regierte ein Jahr das Schützenvolk in seinem Verein. Dagegen gibt es auch schon die Situation, dass über 900 Schuss Schrotmunition abgegeben werden mussten, bevor der Vogel aus dem Kugelfang fiel. Bei Einbruch der Dunkelheit musste dann die Feuerwehr eine Lichtbühne aufbauen, damit das Schießen weitergehen konnte. Der neue König stand dann erst gegen 23 Uhr fest. In einigen Fällen gab es diese Möglichkeit nicht und so wurde am folgenden Tag weiter geschossen.

Es ist auch möglich, dass ein Vogel nicht abgeschossen werden kann, weil die schießtechnischen Rahmenbedingungen es nicht ermöglichen. Dies kann der Fall sein, wenn man mit Schrotmunition auf einen Vogel schießt, welcher auf einem Dorn im Kugelfang montiert ist. Die dazu vorgeschriebene Kegelmutter teilt die Schrotgarbe und es bleibt unter widrigen Umständen ein ringförmiges Holzstück zurück, welches dann nicht getroffen werden kann. Ein geeigneter Munitionswechsel löst aber häufig das Problem. Sicherlich erlebt man in den Vereinen in jedem Jahr weitere kuriose und heitere Situationen. Es ist also immer wieder eine spannende Angelegenheit mit vielen überraschenden Momenten.                          

Gegenwart und Ausblick – Warum das Vogelschießen lebendig bleibt
Trotz gesellschaftlicher Veränderungen behält das Vogelschießen in Westfalen seine Bedeutung – nicht aus nostalgischem Traditionalismus, sondern weil es soziale Funktionen erfüllt:

  • Gemeinschaft stiften
  • Identität bewahren
  • Generationen verbinden
  • Regionale Kultur erfahrbar machen

Dass große Feste wie das Rudolstädter Vogelschießen oder das Plauener „Adlerschießen“ jährlich Zehntausende anziehen, zeigt, dass diese Tradition weit mehr ist als ein historisches Ritual. Sie ist ein lebendiges Element regionaler Kultur.

Das Vogelschießen in Westfalen steht exemplarisch für die Fähigkeit regionaler Traditionen, sich im Spannungsfeld von Geschichte, Technik, Gesetzgebung und gesellschaftlicher Entwicklung zu behaupten. Es ist ein Ritual mit tiefer Symbolik, gleichzeitig aber auch ein modernes Gemeinschaftserlebnis. Seine Zukunft scheint gesichert – nicht zuletzt, weil es den Menschen in der Region ein Stück Heimat schenkt.

(Arnold Kottenstedde)

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