Tradition

75 Jahre Wiedergründung DSB: Die Geschichte der Ratzeburger Schützengilde von 1551

22.10.2026 09:55

Die Schützentradition und das Brauchtum sind neben dem Sport ein fester und wichtiger Bestandteil der Schützenkultur im Deutschen Schützenbund, in den Landesschützenverbänden und ihren Untergliederungen. Schützentraditionen und Bräuche können dabei sehr unterschiedlich sein, wie die verschiedenen Beiträge der Landesverbände zeigen, die das gesamte Jahr über zum 75-jährigen Jubiläum der DSB-Wiedergründung veröffentlicht werden. Dieses Mal ist der Norddeutsche Schützenbund an der Reihe mit einem historischen Beitrag zur Ratzeburger Schützengilde von 1551.

Foto: NDSB / Fahne, gestiftet 1855 von König Friedrich VII von Dänemark.
Foto: NDSB / Fahne, gestiftet 1855 von König Friedrich VII von Dänemark.

Die Ratzeburger Schützengilde blickt auf eine mindestens 475-jährige Geschichte zurück, wobei das Jahr 1551 als offizielles Gründungsjahr gilt. Ursprünglich als schlagfertige Bürgerwehr zum Schutz der Stadt und zur gegenseitigen Hilfeleistung bei Feuer oder Krankheiten, war die Wehrtüchtigkeit an der Waffe damals eine moralische Pflicht für jeden Bürger.

Trotzdem gewann die gesellschaftliche Tätigkeit der Schützenvereinigungen immer mehr an Bedeutung. Denn bereits im Mittelalter fanden Schützenfeste mit Ausschießen eines Schützenkönigs statt. Damals wurde, so auch in Ratzeburg, der König durch das Vogelschießen ermittelt. Da im Mittelalter der Wettkampf zur Erhaltung der Wehrkraft diente, konnte nur derjenige Schützenkönig werden, der eine eigene Waffe hatte. Denn was nützte ein guter Schütze, der im Rahmen der Verteidigung keine Waffe hatte? Geliehene Waffen wurden konfisziert.

Die Schützenkönige genossen Privilegien
Herzog August (Regierungszeit 1618–1656) war der Gilde über Jahrzehnte eng verbunden und festigte deren Traditionen sowohl durch persönliche Teilnahme als auch durch rechtliche Privilegien. Aufgrund seiner eigenen Erfolge beim Vogelschießen bereicherte der Herzog die Königskette um wertvolle Kleinode. Der Schützenkönig genoss besondere Privilegien und Freiheiten, wie das abgabenfreie Mahlen von Getreide und Malz in den herzoglichen Mühlen – ein besonders wertvoller Vorteil für die zahlreichen Ratzeburger Brauer.  

Foto: NDSB / Privilegium der Stadt Ratzeburg für den Schützenkönig.
Foto: NDSB / Privilegium der Stadt Ratzeburg für den Schützenkönig.

Mit dem Aufbau strafferer Heere im 17. Jahrhundert verloren die Schützenvereinigungen zunehmend ihre Funktion als aktive Bürgerwehr. Nach dem Tod von Herzog Julius Franz ruhte die Gildetätigkeit von 1689 bis 1776 aufgrund von Erbstreitigkeiten.  

Im Jahre 1776 wurde die Schützentradition in Ratzeburg wieder aufgenommen. Im gleichen Jahr erfolgte zudem die Umstellung vom Vogelschießen auf das Schießen auf Scheiben. In dieser Ära stellten bedeutende Persönlichkeiten die Könige der Gilde, darunter König Georg III. (1778), Graf von Kielmannsegge (1798), der Herzog von Cambridge (1814) und König Friedrich VI. von Dänemark (1818).  

Im Jahre1839 erlebte die Gilde einen wichtigen Wendepunkt, denn der dänische König entschied zu Gunsten der Gilde, dass der Magistrat nicht mehr das Recht hat, einen Senator als Anführer der Gilde zu bestimmen. Bis dahin hatte der Magistrat das Recht, einen der Senatoren zum Anführer der Gilde bei Aus- und Einzügen zu bestellen. 1855 stiftete Friedrich VII von Dänemark eine Fahne.

Nach dem 2. Weltkrieg hatte der Kreis Herzogtum Lauenburg alte Privilegien wieder aufleben lassen, dass jährlich 500,00 DM als Königsschussgeld an die Gilde gezahlt wurde. Leider wurde dieses wieder eingestellt. Dafür stiftet die Stadt seit 1975 alljährlich dem Schützenkönig eine Urkunde und eine Summe von 300,00 DM bzw. heute 150 Euro.

Mitte des 19. Jahrhundert begann eine Erneuerung der Schützenbewegung durch liberale und nationale Bestrebungen im Bürgertum. Es wurden Uniformen und militärische Ränge eingeführt. Ein Antrag der Gilde aus der Zeit um 1840 auf Uniformierung der Gilde wurde abgelehnt. Erst 1865 unter preußischer Landesherrschaft konnten die ersten Uniformen in Ratzeburg eingeführt werden.

Es hatte sich zu diesem Zweck ein von der Gilde unabhängiges Schützenkorps gegründet. Durch viele Doppelmitgliedschaften und der gleichen Zielsetzung verbanden sich die Schützengemeinschaften immer mehr. Man sprach dann von der Schützenkompanie und der Grauen Kompanie. 1904 wurde in der Satzung verankert, dass die Graue Kompanie gleichberechtigt ist. 1898 änderte man den Rang des Schützenkapitäns zum Schützenoberst.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde von 1945 bis 1949 jegliche Tätigkeit durch das Kontrollratsgesetz Nr. 2 verboten. Am 27. August 1949 erhielt die Ratzeburger Schützengilde die Genehmigung zur Wiederausübung des Vereinslebens; im September folgte gleich das erste Nachkriegsschützenfest.

"Salatschießen" zur Königstafel
Im historischen Schützenhof fand um 1900 im großen Festsaal die große Königstafel statt. Das Festessen musste „herrschaftlich“ sein, aber den norddeutschen Charakter bewahren. Die Königstafel war ein streng ritualisiertes Essen. Die Kanoniere standen draußen auf dem Schießplatz bereit. Sobald drinnen ein Trinkspruch auf den Kaiser oder den König ausgebracht wurde, musste draußen exakt die vorgeschriebene Anzahl an Schüssen fallen.

Kleine Anekdote dazu: August Gluth animierte als Junge den Kanonier Ludwig Mager zum falschen Zeitpunkt zum Schießen - das war damals ein echter Skandal, da dies das protokollarische Gefüge völlig durcheinander brachte. Bei den Jungen hieß das Salutschießen damals "Salatschießen", weil das „Geknalle“ immer dann losging, wenn drinnen das Essen (und somit auch der Salat) serviert wurde.

1923 errichtete der Schützenverein Ratzeburg und Umgebung ein Schießstand in der Mechower Straße. Durch die Verschmelzung der beiden Vereine ging der Schießstand 1925 an die Gilde.

Um 1930 wurde die Wachkompanie der Ratzeburger Schützengilde aus einer losen Gruppe zu einer festen Einheit. Nach der Neugründung 1950 (Leitung: Heinz Kleemann, Alfried Haye) wurde sie 1967 zur selbstständigen Kompanie innerhalb der Gilde erhoben. Ab 1955 kamen Exerziergewehre und ab 1972 Karabiner zum Einsatz, was das traditionelle Salutschießen ermöglichte. Die Kompanie übernahm den Ehrendienst bei Majestäten und Offizieren sowie die Wache vor dem Rathaus und dem Kreishaus. Seit 1973 pflegte die Wache die Historie des Lauenburgischen Jägerkorps (1816–1865) durch das Tragen originalgetreuer Uniformen bei Festumzügen und Jubiläen.

1943 und 1969 wichtige Impulse für die Gilde
Die Geschichte der Jungschützen in der Ratzeburger Schützengilde von 1551 e. V. festigte sich ab 1930, wobei die Abteilung zunächst jungen Männern ab 20 Jahren vorbehalten war. Einen entscheidenden Impuls zur Nachwuchsförderung setzte die Gilde im Jahr 1943 mit der Aufnahme von 14- bis 16-jährigen Jugendlichen. Nach der kriegsbedingten Unterbrechung des Vereinslebens erfolgte 1953 die offizielle Neugründung der Jungschützenabteilung.

Nur ein Jahr später, beim Schützenfest 1954, wurde bereits der erste Jungschützenkönig ausgeschossen. 1961 erfuhr die Jugendabteilung durch Landrat Gerhard Wandschneider besondere Anerkennung, denn er stiftete der Jugend eine eigene Fahne. Das Jahr 1969 markierte einen modernen Wendepunkt in der Gildegeschichte: Erstmals wurde die Abteilung auch für Mädchen geöffnet, von denen bereits im ersten Jahr neun eintraten. 1971 errang erstmals ein Mädchen – Gabi Möller – die Jungschützenkönigswürde.

Die Fahnenpflege innerhalb der Ratzeburger Schützengilde von 1551 entwickelte sich von einer lockeren Tradition zu einer festen Institution. Bis zum Jahr 1956 übernahmen wechselnde Mitglieder der Schützenbruderschaft die drei Gilde-Fahnen. Um die Pflege der wertvollen Stücke zu gewährleisten, wurde 1956 unter Ludwig Bierschenk eine feste Fahnenabteilung gegründet. Elf Jahre später wurde eine offizielle Fahnenkompanie mit 24 Mitgliedern gegründet, in die auch der Schellenbaumträger integriert wurde. Der Bestand wuchs durch Stiftungen auf sieben Fahnen. 1969 stießen die Jungschützen mit eigener Fahne hinzu. Eine wesentliche Erleichterung brachte die Einführung von Tragegurten, die das traditionelle Schultern der Fahnen ersetzten. Die Kompanie ist heute der festliche Repräsentant der Gilde und bewahrt bei heimischen und befreundeten Festen die reiche Tradition der Inselstadt Ratzeburg.

1966 verließ die Gilde den Schützenverband Hamburg und wurde Mitglied im Norddeutschen Schützenbund.

Ein besonderes Kapitel der jüngeren Vereinsgeschichte schlug die Gilde im Jahr 1994 auf. Mit der Gründung der Damenabteilung wurde der Gilde ein modernes Gesicht gegeben, das der Gilde bis heute maßgeblich bereichert. Seit 2019 liegt die Leitung des traditionellen Bürger- und Schützenfestes in den Händen der Gilde.

In den letzten Jahrzehnten setzte sich im Zuge der wachsenden Sportbewegungen das Sport- und Bogenschießen als Wettkampfsport durch. Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 wurde das Sportschießen als olympische Disziplin eingeführt.

Vier Punkte prägen heute die Schützenvereine und Gilden: Heimatverbundenheit, Gemeinschaftsleben, Traditionspflege und Breiten- und Freizeitsport bis hin zum Leistungssport. Und so hat sich auch die Ratzeburger Schützengilde von 1551 e.V. im Laufe der 475 Jahre von einer Bürgerwehr zu einer der Tradition verpflichtenden Sportgemeinschaft entwickelt.

Weiterführende Links

Weitere News zu "75 Jahre Wiedergründung DSB"