Weltmeisterschaften

Schießsport-WM Kairo: Doreen Vennekamp im Interview

14.11.2025 13:01

2023 war Doreen Vennekamp ganz oben: Weltmeisterin in Baku/AZE, Weltranglisten-1. und am Ende des Jahres wurde sie zur Welt-Sportschützin des Jahres gewählt. Bei der WM in Kairo/EGY (7. bis 17. November) konnte sie an diese Leistung nicht anknüpfen und zeigt sich im Interview selbstkritisch, analytisch und angriffslustig.

Foto: DSB / Vennekamp war mit ihrer Leistung bei der diesjährigen Weltmeisterschaft nicht zufrieden.
Foto: DSB / Vennekamp war mit ihrer Leistung bei der diesjährigen Weltmeisterschaft nicht zufrieden.

294 Ringe im Duell. Wie zufrieden bist du damit?
Doreen Vennekamp: „Nicht zufrieden. Ich war mit Präzision ja schon nicht zufrieden. Und wir sind bei einer sehr hochrangigen Weltmeisterschaft. Da war klar, dass ich jetzt eigentlich voll schießen muss oder zumindest 299 Ringe, damit ich eine Chance auf ein Finale habe. Weil ich in Präzision nur zwei „Mouchen“ (Innenzehner, Anm. d. Red.) hatte, war mir schon klar, dass das trotzdem mit 586 hier wahrscheinlich nicht reichen wird, um in das Finale zu kommen. Ich wusste, dass es mit meiner aktuellen Leistung schwierig wird, ins Finale zu kommen, aber durchaus möglich. Darauf haben wir gehofft. Und ich bin halt unter den Erwartungen, jeweils, zwei, drei Ringe bei Präzision und Duell geblieben. Naja, und das sind dann die vier, fünf Ringe, die einfach fehlen.“

Hast du schon eine Erklärung dafür, warum du unter deinen Erwartungen geblieben bist?
Doreen Vennekamp: „Ich weiß noch nicht so ganz genau, warum es mir diese Saison so schwerfällt. Ich habe das Gefühl, ich versuche viel zu verteidigen und nicht anzugreifen. Früher ist mir das leichter gefallen. Und diese Saison kam keine Einzel-Weltcup-Medaille, das gibt auch nicht so viel Sicherheit. Ich war zwar zweimal Fünfte am Anfang der Saison, aber das ist jetzt nichts, worauf man aufbauen kann, wenn man vorher einfach schon mal besser war. Und dann fährt man zur WM und möchte eigentlich seinen Run mit den Medaillen erweitern, weil ich bei drei Weltmeisterschaften hintereinander jeweils eine Einzelmedaille gewonnen habe (2023 Gold, 2022 Bronze, 2018 Bronze, Anm. d. Red.). Man merkt aber, dass man nicht so in der Form ist, wie man es war. Das ist einfach schwieriger, und dann versucht man noch besser zu arbeiten, noch perfektionistischer und das macht es dann auch nicht leichter.“

Du hast vom Verteidigen gesprochen. Du warst hier Titelverteidigerin. Heißt das vielleicht jetzt für die Zukunft alles auf null zurück, Vollangriff und nicht mal eben verteidigen, was mal war?
Doreen Vennekamp: „Ich denke, dass das jetzt für nächstes Jahr einfach der Plan ist. Ich habe schon versucht, mir einzugestehen, dass diese WM nicht so viel wert ist wie die nächsten Jahre wieder, weil es hier einfach noch keine olympischen Quotenplätze gibt. Der Titel, der dieses Jahr vergeben wird, ist halt eine Medaille. Und manchmal, Florian Peter (Schnellfeuerpistolen-Schütze, Anm. d. Red.) hat das schön gesagt hier bei dieser WM, manchmal muss man auch mal einen einstecken, um dann wieder weiter voranzukommen. Vielleicht ist es nicht schlecht, dass es dieses Jahr passiert ist, aber nach den Spielen haben wird dieses Jahr viel ausprobiert. Ich habe einige Sachen getauscht. Da kommt jetzt auch wieder Routine und Sicherheit rein. Ich glaube, dass man nach so einem Rückschlag einfach einen Neuanfang machen kann. Vielleicht hilft mir das ja.“

Gibt es Ansätze, bei denen du weißt, daran muss ich arbeiten, das muss ich ändern? Oder ist das noch nicht geschehen, ist die Analyse noch nicht so vollständig?
Doreen Vennekamp: „Ja, doch! Die Jahresplanung in dieser Saison, mit der sind Claudia (Bundestrainerin Verdicchio-Krause, Anm. d. Red.) und ich beide nicht zufrieden gewesen. Wir haben die Pausen falsch und zu kurz gemacht. Und es kam einfach auch viel im Umfeld noch mit dazu, dass ich gar nicht richtig regeneriert habe. Was jetzt nicht so fatal ist dieses Jahr. Außerdem möchte ich auf jeden Fall nochmals meine Augen kontrollieren lassen. Ich habe das Gefühl, ich sehe es einfach nicht so genau. Ich werde auf jeden Fall die Schießbrille jetzt nochmals überprüfen lassen, vielleicht hat sich da wieder etwas getan. Ansonsten ist dieses Jahr die Messung bei Guido (Bundestrainer Leistungsdiagnostik Rudolph, Anm. d. Red.) aufgrund seiner Verletzung weggefallen. Und das ist etwas, was mir immer wahnsinnig viel bringt. Das ist Training auf höchstem Niveau, danach fühle ich mich, als ob ich viel mehr wahrnehmen kann von dem Schuss. Daran konnten wir dieses Jahr gar nicht arbeiten, da war ein bisschen Stillstand. Das ist nicht die optimale Vorbereitung, dann war ich bei der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung krank, ich habe eigentlich nur eineinhalb, zwei Tage wirklich trainiert. Für das nächste Jahr haben ich mir vorgenommen, mehr mit einem Trainer zu arbeiten. Diese Saison habe ich sehr viel allein trainiert. Ich glaube, wir haben ein paar Punkte, die offen sind, die nächstes Jahr besser werden. Und dann kommen bestimmt auch wieder mehr Ringe. Es waren heute 581 Ringe. Das ist für die Weltspitze nichts. Aber wenn kaum etwas geht bei Präzision und Duell, und es kommen noch 581 raus, habe ich die Hoffnung, dass da zukünftig auch wieder mehr geht.“

Nächstes Jahr ist ja nahezu identisch vom Kalender her. Heißt das, dass da was geändert wird, dass mal Pausen eingelegt werden, dass mal vielleicht was weggelassen wird?
Doreen Vennekamp: „Ja, das wird aber auch vom DSB mit geändert, indem wir jetzt andere Qualifikationsmodi bekommen. Beispielsweise für die Europameisterschaft in Armenien müssen die Leute, die sich jetzt hier für die WM qualifiziert haben, die erste Qualifikation nicht unbedingt mitschießen – einfach, um ein bisschen Ruhe reinzubringen. Wir können nicht von einem Weltkampf zum nächsten rennen und laufen unserer eigenen Technik hinterher. Und ich glaube, dass das für die Zukunft viel bringen wird, dass wir diese Option haben.“

Trotz deiner nach eigener Aussage mäßigen Saison hast du dich für das Weltcupfinale in Doha/Katar qualifiziert!
Doreen Vennekamp: „Da freue ich mich drüber! Das Jahr lief ja wirklich gar nicht und trotzdem bin ich Weltranglisten-Achte, also unter den Top Ten. Und dann kann nicht so viel so schlimm sein, wie ich es gerade empfinde. Aber wenn man schon mal oben war, dann sieht das Fallen immer tiefer aus als von unten.“

Wenn du die Konkurrenz siehst, die ist ja vor allem aus Asien sehr stark. Wen siehst du da auch zukünftig mit Blick auf Los Angeles 2028?
Doreen Vennekamp: „Die Chinesen sind immer für junge, neue Generationen und Überraschungen gut. Die Koreaner sind sehr gut und stabil. Aber wir haben jetzt auch hier wieder gesehen, die Iraner bauen sich ein wahnsinniges Team auf. In der Präzision hatten die eine gigantische Teamleistung. Haniyeh (Rostamiyan, Anm. d. Red.), die da so ein bisschen vorweg steht und auch die Erfahrung schon hat. Wenn die anderen von ihr die nächsten drei Jahre noch etwas lernen, dann können die uns auch ganz schön Druck machen. Und dann selbstverständlich Indien. Indien hat enorm viele junge Athleten, die wollen. Wenn du dich in dem Land auch durchsetzt und die Qualifikation schaffst für eine WM, dann hast du mental und schießtechnisch schon richtig was drauf. Dann ist die WM eigentlich das Geschenk.“

Liegt das daran, weil die einfach so ein großes Reservoir an Schützen haben? Oder liegt es auch daran, weil der Stellenwert vielleicht höher ist in den Ländern?
Doreen Vennekamp: „Ich würde sagen beides. Indien ist ja eh eine Schießsportnation, die haben nach den Spielen in Tokio viel umgestellt. Die haben andere Konzepte, die haben wahnsinnig viele Schießsportschulen und dann natürlich auch viele Menschen, die am Sport fasziniert sind. Da kommt einfach einiges zusammen, was dann zusammenspielt.“

Summa summarum, wie fällt dein Fazit der Weltmeisterschaft in Kairo aus?
Doreen Vennekamp: „Erwartend ausbaufähig. Ich hatte vorher schon ein Interview mit der Zeitung. In dem wurde ich auch gefragt, wie die Chancen sind. Da habe ich gesagt, wenn ich realistisch bin, gewinnen wir aktuell in den Teams keine Medaille. Weder bei Luftpistole noch bei Sportpistole. Im Luftpistolen Mixed hatte ich Hoffnung, weil ich im Vorfeld eine Kleinigkeit gefunden hatte. Und wenn jetzt die hohen Serien auch einfach mal fallen, dann ist das wieder drin. Auch weil Christian (Reitz, Anm. d. Red.) und ich ja dieses Jahr die Mixed-Medaille beim Weltcup in München geholt haben. Ich glaube, da sind wir auf einem guten Weg. Aber dieses Jahr war auch viel testen, viel ausprobieren. Und es wird sich die nächsten Jahre zeigen, ob wir das Richtige probiert haben.“

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