Olympische Spiele

Tokio 2020NE: 12x Weltklasse, 12x „Behördensportler“

15.07.2021 11:30

Für Bogen-Bundestrainer Oliver Haidn ist es ganz klar: „Wenn unsere Sportler nicht professionell trainieren, werden wir zukünftig keine Chance haben.“ Denn international seien nur noch Profis unterwegs, so Haidn. Beim Blick auf die zwölf DSB Olympia-Teilnehmer in Tokio 2020 wird deutlich: Alle sind bei Bundeswehr oder Polizei, alle können professionell ihrem Sport nachgehen.

Foto: DSB / Monika Karsch, Doreen Vennekamp und Carina Wimmer sind allesamt bei der Bundeswehr.
Foto: DSB / Monika Karsch, Doreen Vennekamp und Carina Wimmer sind allesamt bei der Bundeswehr.

Für Olympiasieger Christian Reitz liegen die Vorteile auf der Hand: „Die zeitliche Planung ist einfacher, man ist flexibler und man ist finanziell abgesichert, da man ja von unserem Sport nicht leben kann.“ Noch krasser formuliert es Florian Unruh: „Der Schritt zur Bundeswehr war für mich sehr wichtig, da ich mir den Sport sonst nicht mehr hätte leisten können.“ Nachdem die Unterstützung durch ein Sportstipendium auslief, gab es zwei Alternativen für den Bogenschützen: „2018 stand ich dann vor der Wahl aus finanziellen Gründen aufzuhören oder zur Bundeswehr zu gehen.“ Er bekam das Angebot und bereut diesen Schritt auf keinen Fall: „Ich bin sehr froh, mich für die Bundeswehr entschieden zu haben. Vorher hatte ich Hemmungen, mich zu binden und wollte daher nicht zur Bundeswehr. Im Nachhinein hätte ich es schon viel früher machen sollen, weil es ohne finanziellen Druck viel entspannter ist.“

Der Schritt zur Bundeswehr war für mich sehr wichtig, da ich mir den Sport sonst nicht mehr hätte leisten können!

Florian Unruh über die existenzielle Bedeutung der Bundeswehr-Zugehörigkeit für ihn

Foto: DSB / Viermal Bogen = dreimal Polizei + einmal Bundeswehr: Michelle Kroppen (Bundespolizei Meisteranwärterin), Charline Schwarz (Bundespolizei Meisteranwärterin), Lisa Unruh (Bundespolizei Hauptmeisterin) und Florian Unruh (Hauptgefreiter).
Foto: DSB / Viermal Bogen = dreimal Polizei + einmal Bundeswehr: Michelle Kroppen (Bundespolizei Meisteranwärterin), Charline Schwarz (Bundespolizei Meisteranwärterin), Lisa Unruh (Bundespolizei Hauptmeisterin) und Florian Unruh (Hauptgefreiter).

Eine Faustformel sagt: Rund 10.000 Stunden Training bedarf es, bis man an sein Leistungsmaximum ankommt. Viel Zeit, die ein Sportler benötigt, wenn er den Traum hat, Olympiateilnehmer oder gar Olympiasieger zu werden. Um Athleten diese Zeit für Training und Wettkampf zu ermöglichen, gibt es unterschiedliche Modelle, die Sportler unterstützen und ihnen den Weg an die Spitze ebnen. Innerhalb des DSB sind es vor allem die Bundeswehr und die Polizei, die es den Sportlern erlauben, sich voll und ganz auf den Sport zu konzentrieren, aber dennoch abgesichert zu sein. Und zwar während der Leistungssportkarriere und auch danach. Das waren auch die Beweggründe für Lisa Unruh: „Für mich war der Schritt zur Bundespolizei zu gehen enorm wichtig, denn in meiner Sportart ist es notwendig, sehr viel zu schießen und wäre ich ein Amateur und kein Profi, könnte ich diese Umfänge an Training gar nicht stemmen. Ich bin sehr dankbar dafür und habe diesbezüglich auch keine Angst, mit meinem Sport irgendwann aufzuhören, denn ich werde einen sicheren Beruf ausüben und das ist toll.“

Aktuell sind insgesamt 49 Bogensportler und Sportschützen bei Bundeswehr und Polizei, Skeet-Athlet Tilo Schreier ist bei der Feuerwehr. „Das Kontingent bei der Bundeswehr ist jedes Jahr bis zum Anschlag und zum Teil darüber hinaus ausgeschöpft, bei der Polizei ginge sicher noch mehr“, sagt Hanne Aslanidis, die DSB-Athletenmanagerin. Das Interesse bei den Sportlern sei hoch, „da sie wissen, dass sie nur so langfristig in der Weltspitze mithalten können“, so Aslandis. Für die DSB-Athletenmanagerin ist der Schritt zu Bundeswehr oder Polizei konsequent: „Wer an die Spitze möchte und sich dort auch halten will, muss Profisportler sein. Weltweit gibt es keine Amateure mehr, die auf Dauer vorne mitmischen.“

Wer an die Spitze möchte und sich dort auch halten will, muss Profisportler sein!

Hannelore Aslanidis, DSB-Athletenmanagerin, zu der Bedeutung des Profitums im Spitzensport

Auch da gibt es natürlich Ausnahmen, wie die Beispiele Henri Junghänel (Olympiasieger Gewehr 2016), Daniel Brodmeier (Olympia-Vierter Gewehr 2016) oder Florian Floto (Olympia-Neunter 2016 Bogen) zeigen. Diese Athleten hätten meist in jungen Jahren eine klare Vorstellung von ihrem zukünftigen Berufsleben und könnten für eine, maximal zwei Olympiaden auf Freistellungen der Arbeitgeber setzen, so Aslanidis. Doch ihre Empfehlung ist eindeutig: „Man kann nicht einem Broterwerb nachgehen und nebenbei Spitzensportler sein. Spitzensportler ist ein Vollzeit-Job.“ So sieht es auch Reitz: „Nach meiner Ausbildung hatte ich auch eine 42 Stunden-Woche und dann noch den Sport on top. Das schlaucht schon sehr und mag eine gewisse Zeit lang gehen, aber irgendwann ist Schluss.“

Schluss mit seiner Leistungssportkarriere ist zum Glück noch lange nicht. Reitz will mindestens noch die nächsten Olympischen Spiele in Paris mitnehmen. Für danach kann er sich diverse Dinge vorstellen: „Das letzte, was ich gemacht habe, war der Bereich der Digital Forensic. Das hat mir sehr gut gefallen. Aber vielleicht geht es auch in eine andere Richtung, z.B. als Schießausbilder oder Ähnliches.“

Die DSB-Olympiateilnehmer bei Polizei und Bundeswehr

Polizei: Christian Reitz (Landespolizei Hessen Oberkommissar), Lisa Unruh (Bundespolizei Hauptmeisterin), Michelle Kroppen (Bundespolizei Meisteranwärterin), Charline Schwarz (Bundespolizei Meisteranwärterin)

Bundeswehr: Carina Wimmer (Feldwebel), Monika Karsch (Hauptfeldwebel), Doreen Vennekamp (Feldwebel), Oliver Geis (Oberfeldwebel), Jolyn Beer (Feldwebel), Andreas Löw (Hauptfeldwebel), Nadine Messerschmidt (Unteroffizier), Florian Unruh (Hauptgefreiter)

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